In einem anderen Raum wurde abgekocht und müde nach den anstrengenden Vorbereitungstagen sanken wir auf die Teppiche nieder, um einen erquickenden Schlaf zu halten.
Es war etwas ungewohnt auf dem Boden, auf den nicht ganz sauberen Teppichen zu schlafen, von denen wir nicht wußten, wer sie vorher benutzt hatte. Zudem hatte man uns vorher gewarnt, die albanischen Dörfer seien sehr verlaust und von Fleckfieber verseucht. Aber wir blieben von Ungeziefer verschont. Später habe ich mich an diese Art von Quartier gewöhnt und nicht selten in solchen Räumen geschlafen.
Abends hörten wir noch von uns besuchenden Einwohnern, daß in den benachbarten Bergen Gemsen lebten und sie versprachen uns solche zu jagen.
Der nächste Morgen, Sonntag, den 12. August, fand uns schon früh auf den Pferden, schief am Berghang aufwärts reitend. Wir waren jetzt in einer prachtvollen Gebirgslandschaft. Die steilen, felsigen albanischen Berge erhoben sich ringsum zu beträchtlichen Höhen. Hier und da glänzten Schneefelder zu uns herüber. Steile Felsen warfen blaue Schatten auf weite Matten und stattliche Wälder erhoben sich an den Hängen.
Wir durchritten ein Bachtal, dessen einer Hang von steilen Felsen gebildet war, während die Höhen der anderen Seite über der Steilwand einen Buchenwald trugen, über denen Coniferen, offenbar Weißtannen, sich erhoben. Ein halb ausgetrockneter Bach kam das Tal herab, welches weiter oben üppige Vegetation zeigte, dazwischen Buchengebüsch, in welchem prachtvolle Exemplare einer Fingerhutart mit gelben, rostbraun gefleckten Blüten standen (Digitalis ferruginea Gris).
Etwas weiter oben, bei 1675 m Höhe, beobachteten wir die ersten Appollofalter. Außerdem umflogen die Blüten viele Hummeln und kleine Bienenarten.
Herr Müller fing hier Exemplare des Taufrosches (Rana temporaria L.), ein interessanter Fund, da sein Vorkommen hier im Gebiet noch nicht bekannt war. Die Botaniker machten gute Ausbeute, vor allem als wir steilansteigend bei etwa 2000 m Höhe an einer steilen Felsenwand entlang einen Sattel überschritten, von wo wir wieder auf 1600 m herabstiegen, wo ein geeigneter Lagerplatz mit reichlich Wasser sich fand. Wir lagerten an einem Steinhang vor einer großen Rasenfläche, auf der eine kleine, strohgedeckte Hütte lag, die von Schafhürden umgeben war. Hier sollten wir auf Anordnung der Behörden von Kalkandelen mit Sennereiprodukten versorgt werden. Das war also ein sehr geeigneter Standort für unsere Unternehmungen an der Kobeliza.
Zunächst fielen uns wütend ein paar mächtige Hunde an, jene prächtigen mazedonischen Hunde, welche ich stets bei den Hirten im Gebirge antraf. Sie beruhigten sich, als wir in der Entfernung von ½ km unsere sechs Zelte aufschlugen. Ein lebhaftes Lagerleben entfaltete sich, während die Pferde abgesattelt und auf die Weide getrieben wurden, die Zelte allmählich erstanden und Lagerfeuer aufflammten, an denen unser Essen zubereitet wurde.
Als die Dämmerung herabsank, die Sonne noch in unserem Rücken die spitzen Gipfel der Kobeliza umstrahlte, kamen die Herden zur Sennhütte, die man hier Mandra nennt, von den höher gelegenen Weiden zurück. Es waren hauptsächlich Schafe, von denen viele Hundert herangetrieben und in den Hürden für die Nacht zusammengedrängt wurden. Die Hirten kamen uns zu besuchen und brachten uns vorzüglichen Yogurth, Milch und Käse. So konnten wir getrost den kommenden Tagen entgegensehen.