Ebenso deutet noch Clemens Brentano, Romanzen vom Rosenkranz X 80 f. die Dreieinigkeit in das Α hinein:
„Ich will dich nun belehren,
Wie das Aleph ist geformet.
Aus drei Strichen es bestehet,
Wie auch steht die Einheit Gottes,
Dieses Aleph alles Lebens,
In drei göttlichen Personen.“
Und über das Ω schrieb der Alchimist Zosimus (Berthelot, Collection des alchymistes grecs II 228): τὸ Ω στοιχεῖον <τὸ> στρογγύλον, τὸ διμερές, τὸ ἀνῆϰον τῇ ἑβδόμῃ Κρόνου ζώνῃ ϰατὰ τὴν ἔνσωμον φράσιν—ϰατὰ γὰρ τὴν ἀσώματον ἄλλο τί ἐστιν ἀνερμηνεύτητον, ὂ μόνος Νιϰόϑεος <ὁ> ϰεϰρύμμενος οἶδεν, ϰατὰ δὲ τὴν ἔνσωμον, τὸ λεγόμενον ‘ὠϰεανος ϑεῶν’, φησίν ‘πάντων γένεσις ϰαὶ σπορά’, vgl. Reitzenstein, Poimandres S. 267. Historia monachorum, Göttingen 1916 p. 150. Ähnliches über Ω steht im Etymologicum Magnum p. 294, 29. Die rätselhafte Bemerkung Isidors von Sevilla, Etymologiae I 3, fünf Buchstaben seien mystisch, nämlich Α Θ Τ Υ Ω ist jetzt klar.
Die byzantinischen Lexikographen haben diese Dinge gerne aufgenommen (vgl. Fuhr, Berl. phil. Wochenschr. 31 [1911] S. 1176[70], ebenso wie die griechisch-byzantinischen Gesprächbücher.[71] Grübeleien über einzelne Buchstaben müssen also im oströmischen Schulunterricht einen gewissen Raum eingenommen haben. Ein Beispiel: Γ παρὰ τὸ ἀμᾶν, τὸ ϑερίζειν· δρεπανώδης γὰρ ό τύπος αὐτοῦ. Die Verwendung der alphabetischen Akrostichis bei allerhand Lernsprüchen leistete dem wohl noch Vorschub, s. unten den Abschnitt über Akrostichis.
Zu solchen Spekulationen fand sich in Ostrom noch ein weiterer Anlaß. In byzantinischer Zeit hat sich bei der Feier der Brumalia, die damals vom 24. November bis zum 17. oder 18. Dezember dauerten, die Sitte herausgebildet, diese 24 oder 23 Tage mit den Buchstaben des griechischen Alphabets zu benennen. Jedes Mitglied der guten Gesellschaft gab dann an dem Tag ein Fest, der mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens bezeichnet wurde, τὰ ὑπὲρ τῶν ὀνομάτων συμπόσια (Agathias hist. V 3 p. 140 Bonn). Bei diesen Festen durfte natürlich der Festredner nicht fehlen. Wir haben noch einen Panegyrikos des Sophisten Chorikios aus Gaza εἰς τὰ τοῦ βασιλέως Ὶουστινιανοῦ Βρουμάλια[72], in dem die Initiale Ι des Kaisers zu grotesken Sehmeicheleien Veranlassung gibt: Die gerade Form des Ι versinnbildlicht die Gerechtigkeit und Wahrheit Seiner Majestät. Ι zu schreiben kommen in gleicher Weise Greise, Kinder und Jünglinge in die Lage: Beweis, daß der Herrscher kein Lebensalter ungerecht bevorzugt u. dgl.