Der Vater des Klosterwesens, der Kopte Pachomius, numerierte die von ihm gebildeten Mönchsklassen mit griechischen Buchstaben; im einzelnen gibt er darüber folgende Vorschriften, Palladios, hist. Lausiaca 38 bei Migne, PG 34 p. 1100 = cap. 32 p. 90 Butler: ἐϰέλευσεν εἰϰοσιτέσσαρα τάγματα εἶναι τῶν ἀδελφῶν, ϰατὰ τὸν ἀριϑμὸν τῶν εἰϰοσιτεσσάρων γραμμάτων. Καὶ προσέταξεν ἑϰάστῳ τάγματι τὸ ὄνομα τεϑῆναι στοιχεῖον Ἑλληνιϰόν, ἀπὸ τοῦ ἄλφα ϰαὶ βῆτα ϰαὶ τῶν ϰαϑεξῆς ἕως τοῦ ω μεγάλου· ἴνα ἐν τῷ ἐρωτᾶν ϰαὶ φιλοπραγμονεῖν τὸν ἀρχιμανδρίτην περί τινος εἰς τοσοῦτον πλῆϑος, ἐρωτᾷ τὸν δεύτερον ἑαυτοῦ, πῶς ἔχει τοῦ ἄλφα τὸ τάγμα, ἢ πῶς ἔχει τὸ βῆτα· πάλιν ἀσπάσαι τὸ ῥῶ· ἰδίῳ τινὶ σημείῳ ὀνόματος γραμμάτων ἀϰολουϑοῦντος. Καὶ τοῖς μὲν ἁπλουστέροις ϰαὶ ἀϰεραιοτέροις ἐπιϑήσεις τὸ ἰῶτα· τοῖς δὲ δυσχερεστέροις ϰαὶ σϰολιωτέροις προστάξεις τὸ ξ. Καὶ οὕτως ϰατ’ ἀναλογίαν τῆς ϰαταστάσεως τῶν προαιρέσεων ϰαὶ τῶν τρόπων ϰαὶ τῶν βίων ἑϰάστῳ τάγματι τὸ στοιχεῖν τοῦ γράμματος ἐφαρμόσεις, μόνων τῶν πνευματιϰῶν εἰδότων τὰ σημαινόμενα. Dasselbe steht bei Sozomenos III 14 Migne PG 67, 1072. Der letzte Teil dieser Stelle, der in 2. Person geschrieben ist, stammt anscheinend aus einem Brief des Pachomius, s. unten in dem Abschnitt über Abc-Denkmäler.

Die bisher erwähnten pythagoreisch gehaltenen Erklärungen betonen vor allem die Bedeutsamkeit, die der Form der einzelnen Buchstaben innewohnt. Demgegenüber weist man auf christlich-jüdischer Seite darauf hin, daß die Namen der Buchstaben nicht gleichgültig sind. Diese Namen waren ja uralt, älter, also richtiger, als alle griechische Weisheit.[73] Mit Befriedigung führt der große Kirchenhistoriker Eusebios von Caesarea in seiner Praeparatio evangelica X 5[74] den Nachweis, daß die Griechen ihre Bezeichnungen von den Hebräern übernommen haben. Denn jedes hebräische Schulkind könne über die Bedeutung der Buchstabennamen Auskunft geben, während unter den Griechen selbst Platon nicht dazu imstande wäre, gesetzt den Fall, daß er Ἄλφα, Βῆτα usw. für griechische Wörter hielte. Bei den Kirchenvätern und später finden sich dann mehrmals etymologisch-erbauliche Deutungen der Buchstabennamen im Anschluß an die unten gesondert zu besprechenden alphabetisch akrostichischen Stücke in den Psalmen und Klageliedern Jeremias. Schon Origenes von Alexandria in einem Kommentar zu Psalm 126 und in einem „Fe literae tractatus“ hatte Derartiges besprochen (Hieronymus, epistola XXXIV ad Marcellam de aliquot locis Psalmi CXXVI p. 260 Hilberg). Der älteste erhaltene Kommentar dieser Art ist die expositio in Psalmum CXVIII des Ambrosius vom Jahr 387[75] (vol. V ed. Petschenig 1913, Migne PL XV col. 1198–1526). Es folgt Hieronymus mit Brief 30 (p. 246 Hilberg), de nominibus hebraicis 71 (Migne PL 23, 827; Lagarde, Onomastica sacra, ²Göttingen 1887 S. 79) und dem Kommentar zu den Threnoi des Jeremia (Migne PL 25, 787–791). Den hier gesammelten Stoff übernahmen dann im 9. Jahrhundert der Abt Paschasius Radbertus von Corbie in seiner expositio in lamentationes Ieremiae (Migne PL 120, 1059–1256), Hrabanus Maurus, expositio super Ieremiam XVIII 1 (Migne PL 111, 1183 ff.), Remigius von Auxerre, enarrationes in psalmos (Migne PL 131 col. 145 und 732 ff.), Joseppus, memorialis liber 26 (Migne PG 106 p. 32 f). Eine kleine altenglische Abhandlung ähnlicher Art veröffentlichte Bonnard, Revue des études juives 4 (1882) p. 255 ff., ein hebräischer Alphabet-Midrasch, die „Othijoth des Rabbi Akiba“ ist übersetzt „Aus Israels Lehrhallen“ von A. Wünsche 1909, IV S. 199–269.

Als Beispiel diene das Α. Bei Suidas s. v. Ἀβραάμ steht, Abraham habe die Buchstaben erfunden. Καὶ τούτου μαρτύριον ἡ τοῦ Ἄλφα φονὴ τοῦ πρώτον στοιχείου ϰαὶ ἄρχοντος, ἀπὸ τοῦ Ἄλεφ Ἑβραιϰοῦ λαβόντος τὴν ἐπίϰλησιν τοῦ μαϰαρίου ϰαὶ πρώτον ϰαὶ ἀϑανάτου ὀνόματος. Dieser herrliche Name ist „die Erkenntnis“. Denn Aleph wird nicht immer gedeutet als Ochsenschädel, sondern oft als alliph = μαϑέ, vgl. Euseb. praep. ev. V 5 p. 474 b und XI 6 p. 519 c, Theodosios von Alexandria, περὶ γραμματιϰῆς p. 1 Goettling. An der letzteren Stelle heißt es weiter: Gott öffnete dem Menschen den Mund zur Sprache mit dem Laut, der das weiteste Öffnen erheischt. Auch das ΑΩ der Johannesapokalypse wird mitwirken. Ferner war sicher jeder, der aus irgendeinem Grund in den Buchstaben etwas Transzendentes sah, versucht, beim Α anzufangen. So der apokryphe Jesusknabe der Markosier, der, als er in der Schule die Buchstaben lernen soll, seinen Lehrer darüber zur Rede stellt, ob er wisse, was das Α sei.[76] Ebenso macht sich Johannes Chrysost homil. IX in epist. ad Hebr. Migne PG 63 col. 77 seine Gedanken zunächst über das Α: ὥσπερ γὰρ ἐπὶ τῶν στοιχείων τὸ πᾶν ἄλφα συνέχει, ϰαὶ ὁ ϑεμέλιος τὴν πᾶσαν οἰϰοδομήν, οὕτω ϰαὶ τοῦ βίου τὴν ϰαϑαρότητα ἡ περὶ τὴν πίστιν πληροφορία. Ταύτης δὲ ἄνευ οὐϰ ἔστιν εἶναι Χριστιανόν· ὥσπερ οὐδὲ ϑεμελίων ἄνευ οἰϰοδομήν, οὐδὲ στοιχείων χωρὶς ἔμπειρον γραμμάτων εἶναι.

Von der antiken Schule her kommen Gedichte wie Ausonius, De litteris monosyllabis Graecis et Latinis S. 166 Peiper. Scotus, versus de alphabeto bei PLM ed. Baehrens V p. 375 mit dem Kommentar Expositio prescripti alphabeti ed. Omont, Bibl. des hautes études, Paris 1881, p. 429. Cabrol Dictionnaire p. 61. Besonders wichtig scheint eine Schrift des 13. Jahrhunderts, De semine — oder seminibus — scripturarum, zu sein, die mit Unrecht dem berühmten Apokalyptiker Abt Joachim von Floris in Calabrien († 1202) zugeschrieben wird. Friedensburg, Symbolik der Mittelaltermünzen S. 90 ff. druckt ein bezeichnendes Stück daraus ab.

In einem Dit de l’ABC (440 Verse) von Hue de Cambrai (um 1250) „werden die Buchstaben des Alphabets mit geläufigen Wörtern in Verbindung gebracht, die mit ihnen anheben (z. B. crois, con bei C, dieu bei D, Eve bei E, lettres, langue bei L, Marie bei M usw.) oder es wird ihnen nach ihrer Form ein gewollter Sinn (wie bei PQ) untergelegt, nicht ohne daß bei Gelegenheit satirische Hiebe auf die verderbte Zeit fallen“ (Groeber, Grundriß der romanischen Philologie II 837).

An der oben erwähnten Stelle Hieronymus de nominibus Hebraicis 71 stehen nur kurze, rein etymologisch-grammatische Angaben über die Bedeutung der Buchstabennamen im Hebräischen. Irgendwelche mystische oder erbauliche Ausdeutung wird nicht daran geknüpft. Laut Angabe des ersten Satzes Migne PL 23 col. 771 ist dieses Onomastikon die Bearbeitung einer Schrift des Philon von Alexandria. Für Philon ist also irgendwelche Buchstabenmystik dadurch nicht bezeugt. Sie ist es auch sonst nicht. Trotzdem hat D. H. Müller in den Sitzungsberichten d. k. Akademie Wien, philos.-histor. Kl. 167. Bd. 2. Abh., Wien 1911 auf Grund dieses Tatbestandes und gestützt auf Vergleichung der Deutungen des Ambrosius und Hieronymus einerseits und spätjüdischer Midraschim andrerseits gemeint, die „verlorene Schrift Philos über die Etymologie und Symbolik der Buchstaben“[77] teilweise rekonstruieren zu können. Es liegt auf der Hand, wie willkürlich es ist, auf diesem Wege Spekulationen des 4. Jahrhunderts in das 1. zurückzudatieren.

Anhangsweise möchte ich für Leser, die hier derartiges wohl suchen werden, einiges zusammenstellen über Buchstabensymbolik nicht magischer und religiöser Art, Buchstabenspielereien u. dgl.

Wie im Altertum nicht anders zu erwarten, fehlt das obszöne Element nicht. Es handelt sich aber in den Fällen, die uns hier angehen, nicht um das primitive Jenseits von aller Scham, was eng mit der Religiosität des Naturvolkes zusammenhängt, sondern um einfache Cochonerien. Für den primitiven Menschen ist das Obszöne, das heilige Geheimnis der Zeugung, Tabu, es wird als solches gesucht und gescheut, verehrt und als verblüffendes Schutzmittel gegen die Dämonen in Dienst genommen. Aber auch schon da muß man, wie Albrecht Dieterich oft sagte, nicht so tun wollen, als hätte das den Leuten nebenbei keinen Spaß gemacht. Bei den Buchstabenzoten fällt alles Sakrale durchaus weg, es sind παίγνια, Belege für das nichts verschonende Argot der Griechen und Römer oder unpassende Schulwitze.

Das Älteste in dieser Art wird Aristoph. Eccl. 920 sein: δοϰεῖς δέ μοι ϰαὶ λάβδα ϰατὰ τοὺς Λεσβίους.[78] Dann steht als Priapeum 54 ein Rätsel:

CD si scribas temonemque insuper addas,