Was die Erde Schönes kennet,
Was sie hold und lieblich nennet,
Was sie hoch und heilig glaubt,
Reicht nicht an des Vaters Haupt.
Balsam strömt von seinen Lippen
Und auf wem sein Segen ruht,
Der schifft durch des Lebens Klippen
Lächelnd ob der Stürme Wut.

Doch wer in der Sinne Toben,
Gottesräuberisch, verrucht,
Gegen ihn die Hand erhoben
Ist verworfen und verflucht.
Ja, ich hör mit blut'gem Beben
Wie der ew'ge Richter spricht:
Allen Sündern wird vergeben,
Nur dem Vatermörder nicht!

Sprenge deine starken Fesseln
Gift'ges Laster, komm hervor
Aus der Hölle offnem Tor.

Laß sie los die schwarzen Scharen,
Die so lang gebunden waren.
Hinterlist mit Netz und Stricken,
Lüge mit dem falschen Wort,
Neid, du mit den hohlen Blicken,
Mit dem blut'gen Dolche Mord!
Meineid mit dem gift'gen Mund,
Gotteslästrung, toller Hund,
Der die Zähne grimmig bleckt
Gegen den, der ihn gepflegt.
Brecht hervor, durchstreift die Welt
Und verübt was euch gefällt.
Was ihr auch getan, getrieben,
Ungestraft mögt ihr's verüben,
Euer Tun reicht nicht hinan,
Nicht an das, was ich getan!

Ha, getan!—Hab ich's getan?
Kann die Tat die Schuld beweisen,
Muß der Täter Mörder sein?
Weil die Hand, das blut'ge Eisen,
Ist drum das Verbrechen mein?
Ja ich tat's, fürwahr ich tat's!
Aber zwischen Stoß und Wunde,
Zwischen Mord und seinem Dolch,
Zwischen Handlung und Erfolg
Dehnt sich eine weite Kluft,
Die des Menschen grübelnd Sinnen,
seiner Willensmacht Beginnen,
Alle seine Wissenschaft,
Seines Geistes ganze Kraft,
Seine brüstende Erfahrung,
Die nicht älter als ein Tag,
Auszufüllen nicht vermag.
Eine Kluft, in deren Schoß,
Tiefverhüllte, finstre Mächte
Würfeln mit dem schwarzen Los
Über kommende Geschlechte.

Ja, der Wille ist der meine,
Doch die Tat ist dem Geschick,
Wie ich ringe, wie ich weine,
Seinen Arm hält nichts zurück.
Wo ist der, der sagen dürfe:
So will ich's, so sei's gemacht!
Unsre Taten sind nur Würfe
In des Zufalls blinde Nacht.
Ob sie frommen, ob sie töten?
Wer weiß das in seinem Schlaf!
Meinen Wurf will ich vertreten,
Aber das nicht was er traf!
Dunkle Macht, und du kannst's wagen
Rufst mir Vatermörder zu?
Ich schlug den, der mich geschlagen,
Meinen Vater schlugest du!—

—Doch wer hält dies Bild mir vor?
Ha, wer flüstert mir ins Ohr?
Halt! Laß mich die Kunde teilen!
Wunden, sprichst du, Wunden heilen
Und Verwundete genesen.
Habe Dank du güt'ges Wesen,
Segensbote habe Dank!
Mit der Hoffnung auf sein Leben
Hast du meines mir gegeben,
Das verzweifelnd schon versank.
Ja, er wird, er muß gesunden,
Heilen müssen jene Wunden,
Die der Hölle gift'ger Trug,
Nicht der Sohn dem Vater schlug.

Ich will hin zu seinen Füßen,
Will die blut'gen Male küssen,
Und des Schmerzes heiße Glut
Kühlen mit der Tränen Flut.

Nein, in jenen düstern Fernen,
Waltet keine blinde Macht,
Über Sonnen, über Sternen
Ist ein Vateraug' das wacht;
Keine finstern Mächte raten
Blutig über unsern Taten,
Sie sind keines Zufalls Spiel,
Nein, ein Gott, ob wir's gleich leugnen,
Führt sie, wenn auch nicht zum eignen,
Immer doch zum guten Ziel.
Ja, er hat auch mich geleitet,
Wenn ich gleich die Hand nicht sah,
Der die Schmerzen mir bereitet,
Ist vielleicht in Wonne nah.

(Die Fenster der Schloßkapelle haben sich während dem erleuchtet, und sanfte, aber ernste Töne klingen jetzt herüber.)