Rahel.
Vater, hört doch!

Isaak.
Nun, so bleibe! Esther komm!
Lassen wir allein die Törin.
Mag der Unrein-Händ'ge kommen,
Sie berühren, mag sie töten!
Hat sie's selber doch gewollt.
Esther komm!

Rahel.
Je, Vater, bleibt!

Isaak.
Immer zu! Komm, Esther, komm! (Er geht.)

Rahel.
Ich will nicht allein sein! Hört ihr?
Bleibt!—Sie gehn—O weh mir, weh!
Ich will nicht allein sein! Hört ihr?
Ach, sie kommen.—Schwester! Vater!
(Eilt ihnen nach.)

(Der König, die Königin, Manrique de Lara und Gefolge kommen.)

König (im Auftreten).
Laßt näher nur das Volk! Es stört mich nicht;
Denn wer mich einen König nennt, bezeichnet
Als Höchsten unter vielen mich, und Menschen
Sind so ein Teil von meinem eignen Selbst.
(Zur Königin gewendet.)
Und du, kein mindrer Teil von meinem Wesen,
Willkommen mir in dieser treuen Stadt,
Willkommen in Toledos alten Mauern.
Sieh rings um dich, und höher poch dein Herz,
Denk nur, du stehst an meines Geistes Wiege:
Hier ist kein Platz, kein Haus, kein Stein, kein Baum,
Der Denkmal nicht von meiner Kindheit Lose.
Als ich vor meines bösen Oheims Wüten,
Des Königs von Leon, ein vaterloser,
Der Mutter früher schon beraubten Knabe,
Durch Feindes Land, es war mein eignes, floh,
Und mich von Stadt zu Stadt Kastiliens Bürger
Wie Hehler eines Diebstahls heimlich führten
Weil Tod bedräute Wirt zugleich und Gast,
Und übrall nun umstellt war meine Spur,
Da brachten mich die Männer, Don Estevan
Illan, den längst der Rasen birgt des kühlen Grabs,
Und dieser Mann, Manrique Graf von Lara,
Hierher, den Hauptsitz von der Feinde Macht
Und bargen mich im Turm von Sankt Roman,
Den du dort siehst hoch ob den Häusern ragen.
Dort lag ich still, sie aber streuten aus
Den Samen des Gerüchts ins Ohr der Bürger.
Und als am Tage Himmelfahrt die Menge
Versammelt war vor jenes Tempels Pforte
Da führten sie mich auf des Turmes Erker
Und zeigten mich dem Volk und schrien hinab:
Hier mitten unter euch, hier euer König,
Der Erbe alter Fürsten, ihres Rechts
Und eurer Rechte williger Beschirmer.
Ich war ein Kind und weinte, sagten sie.
Noch aber hör ich ihn, den gellen Aufschrei,
Ein einzig Wort aus tausend bärt'gen Kehlen,
Und tausend Schwerter wie in einer Hand,
Der Hand des Volks. Gott aber gab den Sieg,
Die Leoneser flohn; und fort und fort.
Ich selber Fahne mehr als Krieger noch
Inmitten eines Heers, durchzog das Land
Erfechtend mit des Mundes Lächeln Siege;
Sie aber lehrten mich und pflegten mein,
Und Muttermilch floß mir aus ihren Wunden.
Deshalb, wenn andre Fürsten Väter heißen
Des eignen Volks, nenn ich mich seinen Sohn,
Denn was ich bin, verdank ich ihrer Treue.

Manrique.
Wenn alles, was Ihr seid, vieledler Herr,
Nur unsres Beispiels, unsrer Worte Frucht,
Dann nehmen wir den Dank und sind des froh,
Wenn unsre Lehren, unsre Pflege sich
In so viel Ruhm, in so viel Taten spiegeln,
Dann ist der Dank so ein' als andre Pflicht.
(Zur Königin.)
Seht ihn nur an mit Eurem holden Blick;
Denn so viel Kön'ge noch in Spanien waren,
Vergleicht sich keiner ihm an hohem Sinn.
Das Alter ist wohl tadelsüchtig sonst,
Auch ich bin alt und tadle gern und viel,
Und oft hab ich, im Rat mit meiner Meinung
Besiegt von seinem fürstlich hohen Wort,
Geheim erbost—heißt das, auf kurze Zeit—
Bös Zeugnis aufgesucht gen meinen Herrn,
Ihn eines Fehls, weiß Gott wie gerne, zeihend,
Doch immer kehrt' ich tief beschämt zurück,
Mir blieb der Neid, und er war fleckenlos.

König.
Ei, ei! Der Lehrer auch ein Schmeichler, Lara?
Doch wollen wir nicht dies und das bestreiten.
Bin ich nicht schlimm, so besser denn für Euch,
Obgleich der Mensch, der wirklich ohne Fehler,
Auch ohne Vorzug wäre, fürcht ich fast;
Denn wie der Baum mit lichtentfernten Wurzeln
Die etwa trübe Nahrung saugt tief aus dem Boden,
So scheint der Stamm, der Weisheit wird genannt
Und der dem Himmel eignet mit den Ästen,
Kraft und Bestehn aus trübem Irdischen,
Dem Fehler nah Verwandten aufzusaugen.
War einer je gerecht, der niemals hart?
Und der da mild, ist selten ohne Schwäche.
Der Tapfre wird zum Waghals in der Schlacht
Besiegter Fehl ist all des Menschen Tugend,
Und wo kein Kampf, da ist auch keine Macht.
Mir selber ließ man nicht zu fehlen Zeit:
Als Knabe schon den Helm auf schwachem Haupt,
Als Jüngling mit der Lanze hoch zu Roß,
Das Aug' gekehrt auf eines Gegners Dräun,
Blieb mir kein Blick für dieses Lebens Güter,
Und was da reizt und lockt, lag fern und fremd.
Daß Weiber es auch gibt, erfuhr ich erst,
Als man mein Weib mir in der Kirche traute,
Die wirklich ohne Fehl, wenn irgend jemand,
Und die ich, grad heraus, noch wärmer liebte,
Wär' manchmal, statt des Lobs, auch etwas zu verzeihn.
(Zur Königin.)
Nu, nu, erschrick nur nicht, war's doch nur Scherz!
Doch soll den Tag man nicht vor Abend loben
Und malen nicht den Teufel an die Wand.

Nun aber, statt zu rechten, laß die Zeit,
Die kurzgegönnte, uns der Ruh' genießen.
Die Fehden inner Landes sind gedämpft,
Doch rüstet sich, sagt man, der Maure neu
Und hofft aus Afrika verwandte Hilfe,
Ben Jussuf und sein streitgewohntes Heer.
Da gibt's denn neuen Krieg und neue Plage.
Bis dahin öffnen wir die Brust dem Frieden
Und atmen ein die ungewohnte Lust.
Ist keine Nachricht da?—Allein vergaß ich's?
Du siehst ja nicht um dich her, Leonore
Und schaust, was wir geschaffen, dir zur Lust?