König (stehenbleibend).
Sieh nur, du hast das Mädchen nicht gekannt.
Nimm alle Fehler dieser weiten Erde,
Die Torheit und die Eitelkeit, die Schwäche,
Die List, den Trotz, Gefallsucht, ja die Habsucht,
Vereine sie, so hast du dieses Weib,
Und wenn, statt Zauber, rätselhaft du's nennst,
Daß jemals sie gefiel, so stimm ich ein
Und schämte mich, wär's nicht natürlich wieder.
(Er geht auf und nieder.)
Königin.
Oh, nicht natürlich, glaube mir mein Gatte.
König (stehenbleibend).
Ein Zauber endlich ist. Er heißt Gewohnheit,
Der anfangs nicht bestimmt, doch später festhält,
Von dem was störend, widrig im Beginn,
Abstreift den Eindruck, der uns unwillkommen,
Das Fortgesetzte steigert zum Bedürfnis.
Ist's leiblich doch auch anders nicht bestellt.
Die Kette, die ich trug—und die nun liegt,
Auf immer abgetan—so Hals als Brust
Sie haben an den Eindruck sich gewöhnt (sich schüttelnd)
Und fröstelnd geht's mir durch die leeren Räume.
Ich will mir eine andre Kette wählen,
Der Körper scherzt nicht, wenn er warnend mahnt.
Und damit nun genug!—Doch daß Ihr blutig
Euch rächen wolltet an der armen Törin,
Das war nicht gut. (Zum Tische tretend.) Denn sieh nur diese Augen—
Nun ja, die Augen Körper, Hals und Wuchs,
Das hat Gott wahrlich meisterhaft gefügt;
Sie selber machte später sich zum Zerrbild.
Laß Gottes Werk in ihr uns denn verehren
Und nicht zerstören was er weise schuf.
Königin.
Berühr es nicht!
König.
Schon wieder denn der Unsinn!
Und wenn ich's nehme wirklich in die Hand
(er hat das Bild auf die Hand gelegt)
Bin ich ein andrer drum? Schling ich die Kette
Aus Scherz, um dein zu spotten, um den Hals,
(er tut's) Das Bild, das dich erschreckt, im Busen bergend,
Bin minder ich Alfonso, der es einsieht
Daß er gefehlt und der den Fehl verdammt?
Drum sei's des Unsinns endlich doch genug.
(Er entfernt sich vom Tische.)
Königin.
Allein—
König (wild nach ihr hinblickend).
Was ist?
Königin.
O Gott im Himmel!
König.
Erschrick nicht gutes Weib. Doch sei vernünftig
Und wiederhole mir nicht stets dasselbe,
Es mahnt zuletzt mich an den Unterschied.
(Auf den Tisch, dann auf seine Brust zeigend.)
Dort jenes Mädchen—zwar jetzt ist sie hier—
War töricht sie, so gab sie sich als solche
Und wollte klug nicht sein, noch fromm und sittig.
Das ist die Art der tugendhaften Weiber,
Daß ewig sie mit ihrer Tugend zahlen.
Bist du betrübt, so trösten sie mit Tugend,
Und bist du froh gestimmt, ist's wieder Tugend,
Die dir zuletzt die Heiterkeit benimmt,
Wohl gar die Sünde zeigt als einz'ge Rettung.
Was man die Tugend nennt, sind Tugenden,
Verschieden, mannigfalt, nach Zeit und Lage,
Und nicht ein hohles Bild, das ohne Fehl,
Doch eben drum auch wieder ohne Vorzug.
Ich will die Kette nur vom Halse legen,
Denn sie erinnert mich—Und dann Lenore,
Daß du mit den Vasallen dich verbündet,
Das war nicht gut, war unklug, widrig.
Wenn du mir zürnst, bist du in deinem Recht;
Doch diese Männer, meine Untertanen,
Was wollen sie? Bin ich ein Kind, ein Knabe,
Der noch nicht kennt den Umkreis seiner Stellung?
Des Reiches Sorge teilen sie mit mir
Und gleiche Sorge, weiß ich, ist mir Pflicht.
Doch ich, Alfonso, ich, der Mensch, der Mann
In meinem Haus, in meinem Sein und Wesen,
Schuld ich des Reiches Männern Rechenschaft?
Nicht so! Und hört' ich nichts als meinen Zorn,
Ich kehrte rasch zurück, woher ich kam,
Nur um zu zeigen, daß nicht ihrem Urteil,
Nicht ihrer Billigung ich untertan.
(Nach vorn tretend und mit dem Fuße auf den Boden stampfend.)
Und endlich dieser Alte, Don Manrique,
Wenn er mir Vormund war, ist er es noch?