Esther.
So sei denn stark durch feige Furchtsamkeit.
Doch nenn ich andre was ich selber war.
Als sie nun kamen und, vom Schlaf erwacht,
Ins letzte, ferne, innerste Gemach
Ich hin zur Hilfe meiner Schwester eilte,
Da faßt mich einer an mit starker Hand
Und schleudert mich zu Boden. Und ich Feige,
Ich fiel in Ohnmacht, als es galt
Mein Leben für die Schwester hinzugeben,
Zu sterben wenigstens zugleich mit ihr.
Als ich erwachte, war die Tat geschehn
Vergebens jedes Mittel der Belebung.
Da konnt' ich weinen, mir die Haare raufen;
Das ist die rechte Feigheit, Weiberart.
Isaak.
Sie sagen dies und das. Ich aber glaub's nicht.
Esther.
Leih deinen Stuhl zu sitzen, alter Mann.
(Sie rückt den Stuhl nach vorn.)
Die Glieder werden schwach mir unterm Leib.
Hier will ich bleiben und will Wache halten.
(Sie sitzt.) Vielleicht daß einem dünkt der Mühe wert,
Die Stoppeln zu verbrennen nach der Ernte,
Und kommt zurück und tötet was noch übrig.
Isaak (vom Boden).
Mich nicht! mich nicht!—Hier kommt schon einer. Horch!
Nein viele!—Schütze mich, ich flieh zu dir.
(Er flieht zu ihrem Stuhle, wo er sich am Boden niederkauert.)
Esther.
Ich will Euch hüten, einer Mutter gleich,
Des altergrauen Vaters zweite Kindheit.
Und kommt der Tod, so sterbt Ihr kinderlos,
Ich geh voran und folge meiner Schwester.
(In der Mitteltüre erscheint der König mit seinem Knappen, der eine
Fackel trägt.)
König.
Dring ich noch weiter vor? Begnüg ich mich
Mit dem was ich schon weiß eh ich's gesehn?
Das ganze Schloß, zerstört, verheert, verwüstet,
Ruft mir aus allen Winkeln gellend zu:
Es ist zu spät! der Greuel ist geschehn.
Und des trägst du die Schuld, verruchter Zaudrer,
Wenn etwa gar nicht einverstanden auch.
Allein du weinst, und Tränen lügen nicht.
Sieh her, ich weine auch. Allein aus Wut,
Aus unbefriedigter Begier nach Rache.
Steck deine Fackel hier in diesen Ring
Und geh ins Dorf; versammle die Gemeinde,
Heiß sie mit Waffen, die der Zufall beut
Sich stellen hier im Schloß. Ich selbst entbiete,
Wenn's Morgen erst, durch Schreiben rings mein Volk,
Der Arbeit Kinder und der harten Mühn.
An ihrer Spitze will ich rächend gehn
Und brechen all die Schlösser jener Großen,
Die Diener halb und halb auch wieder Herrn,
Sich selber dienen und den Herren meistern,
Beherrscher und Beherrschte, also sei's,
Und jene Zwitter tilg ich rächend aus,
Die stolz auf Blut, auf das in ihren Adern
Und auf das fremde, wenn's ihr Schwert vergoß.
Laß hier dein Licht und geh! Ich bleib allein
Und brüte die Geburten meiner Rache.