König.
Meinst du? Ich sage dir, wir sind nur Schatten,
Ich, du, und jene andern aus der Menge;
Denn bist du gut: du hast es so gelernt,
Und bin ich ehrenhaft: ich sah's nicht anders;
Sind jene andern Mörder, wie sie's sind:
Schon ihre Väter waren's, wenn es galt.
Die Welt ist nur ein ew'ger Widerhall
Und Korn aus Korn ist ihre ganze Ernte.
Sie aber war die Wahrheit, ob verzerrt,
All was sie tat ging aus aus ihrem Selbst,
Urplötzlich, unverhofft und ohne Beispiel.
Seit ich sie sah, empfand ich, daß ich lebte
Und in der Tage trübem Einerlei
War sie allein mir Wesen und Gestalt.
So wie man sagt, daß in Arabiens Wüsten
Der Wandrer, der sich lang im Sand geplagt,
Der Sonne Brand ertragen glühnden Haupts,
Mit einemmal ein blühend Eiland trifft
Umbrandet von der See der trocknen Wellen,
Da blühen Blumen, winkt der Bäume Schatten,
Der Kräuter Hauch steigt mildernd in die Luft
Und wölbt sich unterm Himmel als ein zweiter.
Zwar ringelt sich die Schlange unterm Busch,
Ein reißend Tier, von gleichem Durst gequält,
Fand etwa seinen Weg zur kühlen Quelle;
Doch jubelt auf der Wandrer, wegemüd
Und saugt mit gier'gem Mund den Labetrank
Und wirft sich in des Grases üpp'gen Wuchs.
Den üpp'gen Wuchs. Fürwahr! Ich will sie sehn,
Noch einmal jenen stolzen Bau der Glieder,
Den Mund, der Atem sog und Leben hauchte,
Und der, nunmehr auf immerdar verstummt,
Mich anklagt, daß ich sie so schlecht beschützt.
Esther.
Tu's nicht, o Herr! Da 's nun geschehn,
Laß es geschehen sein. Uns sei der Jammer,
Du trenne dich nicht, Herr, von deinem Volk.
König.
Meinst du? Ich bin der König, weißt du wohl?
Nicht nur an ihr, an mir hat man gefrevelt.
Gerechtigkeit und Strafe jeder Schuld
Hab ich geschworen an dem Krönungstag
Und will es halten bis an meinen Tod.
Dazu muß ich mich stärken, mich verhärten,
Denn alles was dem Menschen hoch und wert,
Wird man entgegenstellen meinem Grimm:
Erinnerung aus meiner Knabenzeit,
Des Mannes erste bräutliche Begegnung,
Die Freundschaft und die Dankbarkeit, die Milde,
Mein ganzes Leben schroff in eins geballt
Wird mir genüberstehn in Waffenrüstung
Und mich zum Kampfe fordern mit mir selbst,
Drum muß ich von mir selbst mich erst entfernen.
Ihr Bild wie es vor mir steht hier und dort
An jeder Wand, in dieser, jener Ecke,
Zeigt mir sie nur in ihrer frühern Schönheit
Mit ihren Schwächen, die so reizend auch.
Ich will sie sehn, zerstört, versehrt, mißhandelt,
Versenken mich im Greuel ihres Anblicks,
Vergleichen jedes Blutmal ihres Leibes
Mit ihrem Abbild hier auf meiner Brust
Und lernen Unmensch sein genüber gleichen.
(Da Esther aufgestanden ist.)
Sprich mir kein Wort! Ich will! Und diese Fackel
Soll mich begleiten, flammend wie ich selbst,
Nur leuchtend weil zerstörend und zerstört.
Sie ist in jenem letzten, innern Zimmer,
Wo ich so oft—?
Esther.
Sie ist, sie war, sie bleibt.
König (hat die Fackel ergriffen).
Mir deucht ich sehe Blut auf meinem Weg.
Es ist der Weg zum Blut.—O Nacht der Greuel.
(Er geht in die Seitentüre links.)
Isaak.
Wir sind im Dunkeln.