Sappho.
Sprichst nicht Wahrheit!
Melitta.
Immer, hohe Frau!
Sappho.
Du zählst kaum fünfzehn!
Melitta.
Leicht mag es so sein!
Sappho.
So jung an Jahren und sie sollte schon
So reif sein im Betrug? Es kann nicht sein,
So sehr nicht widerspricht sich die Natur!
Unmöglich, nein! ich glaub es nicht!—Melitta,
Erinnerst du dich noch des Tages, da
Vor dreizehn Jahren man dich zu mir brachte?
Es hatten wilde Männer dich geraubt.
Du weintest, jammertest in lauten Klagen,
Mich dauerte der heimatlosen Kleinen,
Ihr Flehen rührte mich, ich bot den Preis
Und schloß dich, selber noch ein kindlich Wesen,
Mit heißer Liebe an die junge Brust.
Man will dich trennen, doch du wichest nicht,
Umfaßtest mit den Händen meinen Nacken,
Bis sie der Schlaf, der tröstungsreiche, löste.
Erinnerst du dich jenes Tages noch?
Melitta.
O könnt' ich jemals, jemals ihn vergessen!
Sappho.
Als bald darauf des Fiebers Schlangenringe
Giftatmend dich umwanden, o Melitta,
Wer war's, der da die langen Nächte wachte,
Sein Haupt zum Kissen machte für das deine,
Sein selbst vergessend mit dem Tode rang
Den vielgeliebten Raub ihm abzuringen
Und ihn errang, in Angst und Qual errang!
Melitta.
Du warst's, o Sappho! Was besäß' ich denn,
Das ich nicht dir, nicht deiner Milde dankte?
Sappho.
Nicht so, hierher an meine Brust, hierher!
Ich wußt' es wohl du kannst mich nicht betrüben,
Mit Willen mich, mit Vorsatz nicht betrüben!
Laß unsre Herzen aneinanderschlagen,
Das Auge sich ins Schwesteraug versenken,
Die Worte mit dem Atem uns vermischen,
Daß das getäuschte Ohr, die gleichgestimmte Brust,
Von der Gesinnung Einklang süß betrogen,
In jedem Laut des lieblichen Gemisches
Sein Selbst erkenne, aber nicht sein Wort.
Melitta.
O Sappho!