Tannenberg-Turm.
Postkarte
Gleich hinter der »Aussicht« beginnt der Abstieg vom Spitzberge. Nach 6 Min. ist man auf einem wichtigen Kreuzungspunkte von Wegen an der Grenze der Phyllit- und Grauwackenregion; letztere umfaßt sandsteinartige Gesteine, die dem Untersilur zugehören und uns bis Paß begleiten. Eine Rasenbank unter den Bäumen dient als Jägerruhe. Eine Markentafel verweist in der Kammrichtung weiter auf den gr. Kalkberg (789 m) und nach Freudenhöhe (1½–2 Std.). Diesen Weg einzuschlagen, lohnt aber gegenwärtig weniger, da der Gipfel verwachsen ist. Deshalb verweist auch unser blaues Kammzeichen nach r. um den gr. Kalkberg herum über die Eduardsbuche zur Freudenhöhe (1½ Std.). Mit den Ausblicken und Wandelbildern, wie sie die bisher zurückgelegte Kammstrecke bot, ist es auf diesem Wege so gut wie zu Ende; dafür kommen die Reize des Waldlebens ungestörter zur Geltung, insbesondere das vielstimmige Konzert der gefiederten Waldsänger: Ammern und Laubsänger spinnen ihre kunstlosen Weisen, Rotkehlchen, Grasmücken, Drosseln und auch wohl Goldamseln wetteifern in prächtigen Strofen, und Meister Kukuk oder Meister Specht schlagen den Takt dazu; dazu gesellt sich zeitweise das Rascheln eines Eichkätzchens, das mit graziöser Behendigkeit die Stockwerke majestätischer Fichten bis in die höchsten Spitzen durchklettert, oder der schrille Schrei eines Waldkauzes, oder ein Stück »Wild«, im zahmen Sinne gemeint, da von eigentlich »wilden« Tieren nichts mehr zu befürchten ist; 1679 wurde oberhalb Hanichen der letzte Bär und 1766 der letzte Wolf in der Gegend geschossen.
Wir verlassen also den Gebirgskamm und steigen auf dem Hesche-Wege (nach einem Bauer benannt) um die östliche Lehne des gr. Kalkberges allmählich abwärts, auf prächtigem Rasenwege zwischen vorherrschendem, zum Teil, besonders r., reinem Buchenbestand, wobei nach 7 Min. ein Rückblick auf den Spitz- und kl. Kalkberg vorübergehend sich öffnet. Üppige Farnkräuter (Adler-, Wurm- und Tüpfelfarne) neben nicht minder üppigen Haingreiskraut (Senecio Jacquinianus Rchb.) und vereinzelten Exemplaren von Einbeere (Paris quadrifolia L.) und süßer Wolfsmilch (Euphorbia dulcis L.) besäumen den Weg. Nach weiteren 6 Min. sieht man r. unten, vor dem Rücken des Langeberges und seines Ausläufers, des Kirchberges, den Christofsgrunder Talweg. Noch 5 Min. und der Weg wird bedenklich sumpfig, als Folge von nicht weniger als 4 Quellen, deren Abflüsse hintereinander den Weg queren und ihren Weg hinab zum Lochbache nehmen, einer Ader des Eckersbaches. Nicht bloß mannigfaches Gekräuter, wie insbesondere Pestwurz (Petasites albus Gaert.) und fleischfarbige Ragwurz (Orchis incarnata L.) gedeihen hier prächtig, sondern auch Seidelbast, Hainbuche, Traubenhollunder, Ahorn, Rüster und Esche, die sich immer mehr zu einander neigen und schließlich einen dicht schattigen Laubengang mit märchenhaft smaragdgoldener Dämmerung bilden; junger, würziger Fichtenwald schließt sich an und immer rascher geht es abwärts, bis wir, 15 Min. hinter der Sumpfstelle, auf einer Holzbrücke den Lochbach, der l. im Sattel der Eduardsbuche seinen Ursprung hat, überschreitend, auf der herrschaftlich Clam-Gallas'schen Waldstraße daneben stehen, die von Christofsgrund über den Lochförster heraufkommt und die Station Christofsgrund in 40 Min., die Station Machendorf in 1 Stde. erreichen läßt. Hier gibt ein Wegweiser die Entfernung bis Freudenhöhe, unser vorläufiges Ziel, mit 1 Std. an.
Wir folgen der breiten, von roten Lichtnelken (Lychnis diurna Sibth.) und Farnen reich besäumten Straße nach l. aufwärts in prächtigem Fichtenwalde und kommen in 10 Min. zur Eduardsbuche, einem mächtigen Baumriesen von 3·75 m Umfang (in Brusthöhe gemessen) mitten im Fichtenwalde auf der 598 m hohen Einsattlung zwischen großem Kalkberge und Langeberge, an welcher Stelle der Sage nach einst ein Duell zwischen einem Grafen Gallas und einem adeligen Offizier stattgefunden haben soll. Der Stamm zeigt viele Einschnitte von Buchstaben und trägt zu Ehren des im Jahre 1891 verstorbenen Herrschaftsbesitzers Eduard Grafen Clam-Gallas ein kleines Blechbildnis des hl. Eduard. An einer Fichte unweit davon hängt ein Marienbild (»Gewidmet 1898«), davor eine Ruhebank. Mehrere Markentafeln an den Bäumen verweisen durchs Bauersloch nach Christofsgrund (1 Std.), auf den Langeberg (½ Std.) und weiter nach Frauenberg (1 Std.) oder Machendorf (1½ Std.), und nach Freudenhöhe (¾ Std.). Auch nach l. führt ein Waldfahrweg in einer Stunde nach Pankraz.
Der Langeberg (707 m) bietet vom »Brand« aus, einem schmalen Platze unter seinem Gipfel, einen lohnenden Ausblick in ö. Richtung über die Reichenberger Senke auf den Gickelsberg, Teile des Isergebirges (Tafelfichte, Vogelkoppen, Taubenhaus) und die westlichen Teile des Riesengebirges, sowie in unmittelbarer Nähe südöstlich auf die Jeschkenkoppe, welche einen ausgedehnten Waldkomplex überragt.
Auf der prächtigen, streckenweise neu geböschten und geschotterten Waldstraße wandern wir nach l. weiter am nordöstliche Gehänge des gr. Kalkberges. Abwechslung bieten die mannigfachen Blütenpflanzen beiderseits des Weges, darunter: Braunwurz (Scrofularia nodosa L.), Waldziest (Stachys silvatia L.), schmalblättriges Weidenröschen (Epilobium angustifolium L.). Nach 8½ Min. kommen wir an einer kleinen Quelle (l.) vorüber, einer Ursprungsader des Kaltbaches, der bei Weißkirchen in die Neiße mündet. Nach 7 Min. geht es allmählich bergab, wobei wir an einem alten Steinbruch (l.) im Grauwackenschiefer vorüberkommen und gleich darauf einen kurzen Ausblick r. ins Neißetal erhaschen. Nach 7 Min. quert ein Bächlein die Straße, das unterhalb Weißkirchen in die Neiße mündet. Nach 6 Min. kommt l. der grün markierte Weg vom Gipfel des gr. Kalkberges herab. Nach 5 Min. macht die Straße eine weit ausgreifende Kehre und mündet dann nach 8 Min. unten auf die Kratzau-Deutschgabler Reichsstraße in Freudenhöhe, wo man l. den gr. Kalkberg, den Schwamm- und den Trögelsberg, sonst aber nichts sieht als Wald und wieder Wald. Freudenhöhe, ein zu dem 45 Min. entfernt im Neißetale unten gelegenen, alten Pfarrdorfe Weißkirchen (215 Häuser, mehrere Fabriken, Kaiser Josef-Denkmal, hieß ursprünglich Heinrichsdorf) gehöriger Weiler, liegt einsam und idyllisch 381 m hoch auf der breiten Einsattelung zwischen gr. Kalkberg und Trögelsberg und besteht aus gräflich Clam-Gallas'schem Forst-, Heger- und Gasthause, welch letzteres als Ausflugsort sowohl wie als Sommeraufenthalt viel aufgesucht wird. Vor dem Gasthause an der Straße, die schon in uralter Zeit den Verkehr aus dem Polzenlande ins Neißetal vermittelte, steht eine alte Esche; die Buchen hinter dem Gasthause bieten einen angenehmen Aufenthalt. Hinter dem Forsthause, das 1795 vom Grafen Christian Philipp Clam-Gallas angelegt wurde, führt in nördlicher Richtung schnurgerade ein breiter, schöner Weg durch Laubwald in wenigen Min. zu einer Linde auf freiem Platze, der sogenannten »schönen Aussicht« (417 m) mit weitem Ausblicke nach Nord und Ost.
Nord: Zu Füßen das Neißetal in weiter Ebene mit Kronau, Ketten, Grottau, Rosental und Rohnau; l. von Zittau Bertsdorf und Olbersdorf; l. hinter Zittau der Breiteberg, Oderwitz mit dem Spitzberge und der Kottmar (Turm) hintereinander; weiter draußen r. Rotstein und Landeskrone bei Görlitz; hinter Kronau Schloß Grafenstein, Ullersdorf, Friedersdorf (Kirche) und Dittelsdorf; r. von Grafenstein Kohlige, Wetzwalde, Reibersdorf und Königshain hinter einander. Ost: Die Kämme des Isergebirges mit der Tafelfichte (Turm) im Hintergrunde.
Entfernter (30 Min.) von Freudenhöhe liegt 576 m hoch mitten im Walde die Burgruine Roynungen oder Roymund, vom Volke »Rumschloß« geheißen. Im Frühjahr und Herbst, wenn die Bäume ohne Laub sind, ist sie auch vom Forsthause aus sichtbar. Im Gasthause erhält man einen Führer. Der Weg dahin führt über die Hirschwiese gegenüber dem Forsthause – Fundort von hollunderduftendem Knabenkraut (Orchis sambucina L.) – in den Wald und in diesem ziemlich steil aufwärts. Es ist bloß noch ein 2·5 m dicker, 15–20 m langer und 8–10 m hoher Mauerteil des ehemaligen Burggebäudes vorhanden, ferner der Rest eines runden Turmes und einer Brustwehr, und ein ursprünglich ovaler, gegen 3 m hoher Wallgraben. Auf und zwischen den den Burghof bedeckenden Gesteinstrümmern wuchern Farne, Moose, insbesondere auch Tollkirsche (Atropa belladonna L.). Von wenig mittelalterlichen Burgen kennt man so genau, wie von dieser, nicht nur den Namen des Erbauers – Johann v. Dohna –, sondern auch das Jahr, selbst den Tag der Gründung – 17. Okt. 1347 –; sie blieb auch Zeit ihres Bestandes im Besitze des Dohna'schen Geschlechtes, war bis 1429 bewohnt und erscheint 1584 urkundlich als »ödes« Schloß. Es wird angenommen, daß sein Besitzer Nikolaus von Dohna, als er im Jahre 1512 das Gebirge von Straßenräubern reinigte, auch die Gebäude der jedenfalls schon lange nicht mehr bewohnten Burg schleifen ließ.
Wer in Freudenhöhe die Kammtour abbrechen will, erreicht nordöstlich die nächste Bahnstation Weißkirchen in ¾ Std.