Bevor wir weiterschreiten, beachten wir nach l., bezw. s. den Ausblick auf den Limberg bei Wartenberg und dahinter auf den Roll und die Buchberge bei Hühnerwasser, etwas weiter l. auf Silberstein und Spitzberg bei Audishorn. Nach 3 Min. sind wir bei den ersten Häusern des Dorfes Paß, das in diese Lichtung eingebettet ist. Bei der Ortskapelle treffen wir auf die Dorfstraße, wenden uns nach r. und haben das ansehnliche, massiv gebaute Slany'sche Gasthaus vor uns, neben einer stattlichen, im J. 1832 gepflanzten Linde, die einigen zur Rast einladenden Tischen und Bänken Schatten spendet. Paß ist ein kleines Gebirgsdorf mit 24 Häusern, die sich in zwei Reihen hinziehen, und mag ziemlich alt sein. Wenigstens war der »Paß« als Saumweg und Straßenübergang einst so berühmt, daß der Ortschaft diese Bezeichnung bis heute als Auszeichnung verblieben ist. Wegen seiner hohen und schönen Lage wurde der Ort in alter und neuer Zeit von Fremden viel aufgesucht und auch von Feinden heimgesucht, namentlich im Franzosenkriege 1813 und im Preußenkriege 1866; auch 1778 hatten hier und bei Spittelgrund die Preußen Verschanzungen und Verhaue angelegt. Auch ist am 30. Juni 1766 der nachmalige Kaiser Josef II. auf seiner Reise von Zittau nach Reichenberg von Grottau aus herauf geritten. Über Paß führt heute eine Bezirksstraße einerseits nach Pankraz (45 Min.), andererseits über Spittelgrund (30 Min.), wohin Paß eingeschult ist, in 40 Min. nach Grottau (Bahnstation); auch von der Station Ketten (40 Min.) über Niederberzdorf (20 Min.) mündet eine Straße ein, während ein Fußweg über Schwarzpfütze zur Station Ringelshain führt (1 Std.). Reich ist die Chronik von Paß und Umgebung an Pascher- und Räubergeschichten, die zu der Zeit sich abspielten, bevor im vorigen Jahrh. (um 1830) die Grenzwache, die jetzige Finanzwache, errichtet wurde. Heutzutage ist man im Paßer Gasthause gut und sicher aufgehoben.
Zwischen Gasthaus und Linde hindurch führt der Kammweg weiter. Die an einander gereihten Häuser von Paß bleiben r., und über sie hinaus schweift der Blick auf das granitische Neißetal bei Zittau und Grottau, auf den Gickelsberg dahinter und weiter aufs Iser- und Riesengebirge. Während wir uns um den 532 m hohen bewaldeten Hügel westlich des Dorfes herum nach l. wenden, kommen r. an der Tallehne des Spittelbaches einige Häuser des nahen Dorfes Spittelgrund (74 H.) zu Gesicht, woselbst der Dresdner Bildhauer Franz Schwarz, ein Neffe des aus Grafenstein stammenden Bischofs Franz Bernert, geboren ist. Bald darauf nimmt uns hochstämmiger Nadelwald auf; ein breiter Pürschweg führt darin mit wenig Windungen und fast eben in westlicher Richtung weiter zur Seite des Kaisergrundes, der sich zur Rechten, aber für uns unsichtbar, am Spittelbach gegen die Tobiaskiefer hinaufzieht und seinen Namen deshalb bekommen hat, weil ihn Kaiser Josef II. am 17. Sept. 1779 in der Richtung auf Lückendorf durchritt; über ihn hinweg ist an vereinzelten Stellen blitzartig ein Durchblick gegen den Hochwald hin zu erhaschen.
Dichter Wald umgibt auch die 15 Min. vom letzten Hause in Paß unmittelbar r. am Wege sich erhebenden Rabensteine, gewaltige, durch tiefe, enge Schluchten zerrissene, in parallelen Mauern aufgebaute, 472 m hohe Sandsteinfelsen, die man leicht verpassen kann, weil sie ebenso, wie die linker Hand, aber weiter abseits und versteckt gelegenen »Puppensteine« nur wenige Meter über die Baumwipfel hinausragen, immerhin aber wegen der Schönheit und Seltenheit der gigantischen Formen und wegen der Steilheit ihrer Abstürze sehenswert sind. Die höchsten dieser Felsen messen ungefähr 18–20 m und sind, eine gewisse Fertigkeit im Klettern vorausgesetzt, durch zwei Kamine besteiglich; die eine dieser Spitzen, die sogenannte »Fellerwand«, wurde zum erstenmale am 19. Juni 1894 von mehreren Reichenberger Touristen unter Führung eines bekannten Zittauer Bergsteigers erklettert. Einige der Felssäulen sind jedoch unschwer besteiglich und lassen ein malerisches Berg- und Waldland vom Hochwald bis zur Tafelfichte überblicken.
Nach 45 Min. angenehmer Waldwanderung von Paß aus trifft man auf eine Waldlichtung, die zur Linken einen Ausblick auf die Jeschkenkoppe und r. unter ihr auf den Silberstein und den Audishorner Spitzberg gestattet, und woselbst an einer Fichte zur Rechten ein Kruzifix angebracht ist, der sogenannte Bäckenherrgott, zur Erinnerung an einen Grottauer Bäckermeister, welcher hier ermordet wurde, als er, mit Geld wohl versehen, nach Gabel zum Einkauf von Getreide ging.
Hier kreuzt nämlich den Kammweg ein Fußsteig, der l. von den Bahnstationen Lämberg-Markersdorf (über Jüdendorf) und Ringelshain (über Finkendorf) in je 1¼ Std. heraufkommt und r. in wenigen Min. in den schon erwähnten Kaisergrund hinabführt, um in diesem bachabwärts unter herrlichen Aufblicken zum Pfaffenstein mit seinen ruinenartigen Gipfelfelsen (l.) und zu den Rabensteinen (r.) Spittelgrund in 15 Min. zu erreichen.
Unser Kammweg führt einen berasten Steig aufwärts in 20 Min. auf einer kahlen, von plattenförmig abgesondertem Basalt gebildeten Hügel, den Gipfelpunkt des im Mittel 513 m hohen Schwarzenberges, wo sich mitten im Waldmeere ein ebenso unerwartetes wie fesselndes Landschaftsbild aufrollt, das man bequem auf natürlichem Steinsitze genießen kann. Die Aussicht beginnt am Gickelsberge im NO., erstreckt sich über drei Quadranten des Horizonts bis zur Lausche im NW. und ist nur gegen N. in die Zittauer Gegend durch zu hohen Waldbestand unterbrochen.
R. an den Gickelsberg schließen sich die Höhen des Isergebirges mit den Hemmerichbergen (in der Richtung der Tafelfichte), den Mittagsteinen, dem Taubenhaus, Sieghübel und Schwarzenberge im O., wo sich der breite Kamm des Trögelsberges und anschließend der Jeschkenrücken vom gr. Kalkberge bis zur Koppe in sö. Richtung vorschiebt. An dem diesseitigen Fuße lagern, durch den Kirchberg von einander geschieden, die Kirchdörfer Pankraz und Ringelshain, vor letzterem Finkendorf, und über beide hinaus, hinter einander, Silberstein, Audishorner Spitzberg und Dewin mit dem Hammerspitz. So ziemlich genau im S. liegt Schloß Lämberg, so greifbar und stattlich, wie gewiß von keiner andern Seite; l. und r. vor ihm füllen den Hintergrund der Roll (l.) und der gr. Petzberg im Kummergebirge (r.). Unmittelbar r. unter dem Schlosse glitzert der Spiegel des Markersdorfer Teiches, hinter welchem die Stadt Deutschgabel vor der dunklen Kuppe des Tolzberges sich breit macht. Die sw. Richtung ist durch den Kamnitzberg bei Reichstadt gekennzeichnet, hinter welchem l. der Maschwitzer Berg und noch weiter die Nedoweska in der Daubaer Schweiz sichtbar sind. R. auf den Kamnitzberg folgt der Laufberg bei Wellnitz, noch weiter der Ortelsberg bei Zwickau, und zwischen beiden hindurch decken sich die Schwoikaer Berge, der Leipaer Spitzberg (Turm) und der Koselrücken. Gegen W., gerade in der Richtung der Tobiaskiefer, der wir zusteuern, hat man ziemlich nahe den betürmten Hochwald vor sich, neben ihm r. die Lausche, l. den Mergtaler Limberg, vor ihm den Raubschloßberg. Zwischen Hochwald und Limberg schieben sich der Kaltenberg (Turm) und der Kleis, zwischen Limberg und Ortelsberg der Kottowitzer und der Langenauer Berg hinter dem Rodowitzer Hutberge ins Gesichtsfeld, während die betürmte Kuppe des Tannenberges zwischen Hochwald und Lausche zu suchen ist.
Auch pflanzlich ist der Hügel beachtenswert; kräftige Exemplare gelbblühender Arnika (Arnica montana L.) schmücken nebst den purpurroten Blüten der knolligen Platterbse (Lathyrus tuberosus L.) den Grasteppich, während die weißlila Trauben der Waldwicke (Vicia silvatica L.) das Gebüsch umspinnen.
Vom Schwarzenberge absteigend, an einem Grenzstein mit der Jahreszahl 1723 vorüber, trifft man nach 15 Min. auf eine Schneiße, die sich nach r. öffnet und den Pfaffenstein in herrlichem Durchblicke zeigt, während man l. unmittelbar die Tobiaskiefer vor sich hat. So heißt eine uralte Kiefer mit einem Bilde des biblischen Tobias, das der Holzhändler Tobias Kunze, der Großvater der Wirtin in der Paßer Schänke, anbringen ließ, als er ums Jahr 1800 die dortige Waldstrecke zum Abtriebe erstanden hatte. Die Kiefer, bei welcher die Pascher viel verkehrten, ließ er zum Andenken stehen, worauf sie nach seinem Vornamen benannt wurde. Es ist dies aber auch ansonsten eine wichtige Stelle in dem weiten Waldgebiete. Hier verläuft bei 498 m Seehöhe die Wasserscheide zwischen Neiße und Polzen, bzw. zwischen Ost- und Nordsee, und die Zuflüsse – Weißwasserbach und Spittelbach neißewärts, Petersdorfer Bach polzenwärts – haben ihre Ursprungsadern nahe bei einander. Hier überschneiden sich auch mehrere Wege. Von N. her führt die alte Zittauer Straße, auf der uns später das Kammzeichen weiter geleiten wird, bei der Tobiaskiefer vorüber (gelbe Marken) in 45 Min. s. waldabwärts nach Finkendorf – ein von Touristen gern besuchtes, nach dem ehemaligen Ringelshainer Schulmeister Sebastian Finke, der sich 1683 daselbst zuerst ansiedelte, benanntes Wald- und Weberdorf mit 64 Häusern – und in 30 Min. weiter zur Bahnstation Ringelshain.
An dieser alten Straße, nahe sw. der Tobiaskiefer, erhebt sich der Raubschloßberg (535 m), dessen beholzter Gipfel ehedem die Burg Winterstein trug, deren Erbauung in jene Zeit fällt, als die Straße von Zittau nach Gabel noch nicht über den Lückendorfer Paß führte. Sie war schon 1369 eine »alte« Burg und wurde am 25. Juli 1441 von Johann von Wartenberg auf Blankenstein zugleich mit der benachbarten Burg Karlsfried an die Stadt Zittau verkauft, welche beide Burgen am 10. Aug. 1442 abtragen ließ, um an der Grenze alle in Fehdezeiten lästig werden könnenden Schlupfwinkel los zu sein; 1582 war die Burgstätte noch in ihrem Besitz. Ein Abstecher dahin lohnt sich jedoch nicht, da die Überreste (Spuren einer Burgwarte, eines Wallgrabens und Grundmauerwerk) zu unbedeutend und so gut wie unauffindbar sind.