Ost: Vor uns die letzten Häuser von Schanzendorf, dahinter der Johannisstein zwischen Jonsberg (l.) und Hochwald (r.). Südost: Tolz und Roll hinter einander. Süd: Limberg, r. hinter einander Lauf-, Kamnitz- und Tachaberg, r. davon der schopfige Eichberg im Kummergebirge, r. dahinter der gr. Peschkaben bei Dauba, dann der Maschwitzer Berg und der Wilsch, mit welchem die Aussicht südwestlich abschließt.
Fichtenwald nimmt uns auf; am Waldsaume beachten wir noch die dort blühende Arnika, dann steigen wir durch 13 Min. fast immer aufwärts auf breitem Fahrwege, den hie und da der sattgrün glänzende Rippenfarn (Blechnum spicant Roth) besäumt. Ein Grenzstein mit der Jahreszahl 1694 steht daselbst: wir sind wieder an der Landesgrenze! Der Weg, ein prächtiger Sandweg, führt 4 Min. weiter zu einer wichtigen Wegteilung: während der Fahrweg geradeaus weiter nach Niederlichtenwalde hinab führt, biegen wir nach r. auf einen holprigen Fußweg ab, der entlang der Landesgrenze zumeist ziemlich steil abwärts führt. Gleich anfangs haben wir wieder einen lang entbehrten Ausblick, nämlich nach r., wo der Rehstein, ein merkwürdig geformter Sandsteinfels, steil aus dem Waldesdunkel emporsteigt. Man sieht über die Jonsdorfer Felsen hinweg auf die ausgedehnten Häuserreihen von Herwigsdorf und Seifersdorf mit der Landeskrone im Hintergrunde. Nach 12 Min. ist man unten bei einem Wirtschaftsstreifen (l.) angelangt, über den hinweg man die steilen Gebilde der Rabensteine unmittelbar vor sich sieht, darüber die Lausche, von der sich, den Kleis im Hintergrunde, die Ortschaften Jägerdörfel, Ober- und Niederlichtenwalde nach l. herab ziehen. Hier steht ein Grenzstein mit der Jahreszahl 1783. Noch 2 Min. und wir sind beim Hauptgrenzstein V auf dem höchsten Punkte der Straße, die von Niederlichtenwalde herauf über Neujonsdorf (Gasthaus »zur Gondelfahrt« 20 Min.) zur Station Jonsdorf (45 Min.) führt. Dieselbe kreuzend, sind wir nach 3 Min. oben bei den waldumschlossenen Rabensteinen (543 m). So heißt eine schon seit dem 14. Jahrh. bekannte abenteuerliche Felsengruppe auf der Landesgrenze, deren abgesondert aufragende, bienenwabenartig ausgewitterte und über und über mit gelbem Schwefelmoos (Lepraria ochroleuca Ach.) bedeckte Sandsteinkegel die wunderlichsten Naturspiele (Profile von Menschenköpfen, solche eines Löwen- und Pferdekopfes) zeigen, je nach dem Standpunkte, den man einnimmt. Auf der Plattform am Fuße des östlichen Kegels auf böhmischer Seite erbaute 1877 ein Lichtenwalder Insasse eine Gastwirtschaft, die im Laufe der Jahre mehrfachen Änderungen (1885 infolge Brandes) unterzogen wurde. Aus den Fenstern der Gastwirtschaft blickt man südlich l. auf den Plissenberg bei Niederlichtenwalde, r. auf den Steinberg bei Oberlichtenwalde und zwischen durch auf Grünerberg und Ortelsberg hinter einander. Von dem über eine Holztreppe besteiglichen Kegel hat man eine zwar nicht großartige, aber immerhin schöne und seltene Aussicht, die sich mit der vom »Falkensteine« deckt, einem gegenüber auf sächsischer Seite aufragenden, ähnlich geformten und etwas höheren Felsen, welcher 1879 ebenfalls durch Stufen zugänglich gemacht wurde.
West: Die Lausche, l. unter ihr Jägerdörfel. Südwest: Der Steinberg, davor Ober- und Niederlichtenwalde, dahinter der Kleis, mehr nach l. der Glasertberg vor dem Schwoikaer Gebirge. Süd: Grüner- und Ortelsberg hinter einander. Südost: Plissenberg. Ost: Johannisstein, l. davon die Jonsdorfer Mühlsteinbrüche, dahinter der Jonsberg, an seinem Fuße l. Kirchdorf Jonsdorf, weiter draußen Zittau und Reibersdorf. Nordost: In geringer Entfernung die Nonnenklunzen, l. dahinter Herwigsdorf und Seifersdorf, am Horizonte die Landeskrone. Nord: Buch- und Sonneberg ganz nahe.
Die Einschicht »Rabenstein« gehört zu dem nur einige Minuten südlich entfernten, langhin zur Seite der Sandsteinbasis des Plissenberges am Zwittebache, der hier am Lauschepaß seinen Ursprung hat, sich erstreckenden, schon im Jahre 1391 mitten im »gelichteten« Markwalde bestandenen, heutigen Weberdorfe Niederlichtenwalde (164 Häuser mit Zollamts-Expositur), aus welchem Orte die Waldhornbläser Hammer stammen, die Ende des 18. Jahrh. viel Aufsehen mit ihrer Kunst machten. Im siebenjährigen und im Kartoffelkriege hatten die Österreicher bei Niederlichtenwalde, u. a. auch auf dem Rabenstein, Beobachtungsposten aufgestellt.
Denjenigen, die den Kammweg von den Rabensteinen zur Lausche schon kennen, sowie für diejenigen, die die Kammtour hier unterbrechen und etwa der Station Zwickau (1¾ Std.) oder der Station Großschönau (1½ Std.) oder der Station Jonsdorf zustreben, empfehlen wir folgenden Abstecher. Denselben Weg, wie man heraufgekommen, wieder auf die Straße und auf dieser l. im Walde abwärts; nach 15 Min. den Fußweg l., und von diesem nach 2 Min. r. aufwärts durch eine 2 m breite und 15 m hohe natürliche Felsengasse hinan zu den Nonnenklunzen, einer Gruppenreihe mächtiger, wild zerklüfteter Sandsteinfelsen (536 m), von denen einige Form und Gestalt von Nonnen haben. Auf der Höhe derselben, die seit 1846 zugänglich gemacht ist, befindet sich seit 1860 eine, zuletzt 1903 erneuerte Gastwirtschaft (Nachtlager für 7 Personen) mit Gesellschafts- und Echoplatz (siebenfach, ein Böllerschuß 50 Pf.) und einer Aussichtsanlage auf dem über eine Brücke besteiglichen Basteifelsen, der »Nonnenhöhe«, an der mehrere Gedenktafeln angebracht sind, darunter auch eine an den König Friedrich August II. von Sachsen. Man hat im Osten zu Füßen Neujonsdorf vor dem Jonsberge, im fernen Hintergrunde r. die Ausläufer des Isergebirges mit der Tafelfichte; weiter r. vorn die Mühlsteinfelsen, darüber den Hochwaldturm, l. vom Jonsberg das Zittauer Talbecken vor der Landeskrone im Hintergrunde; im Süden die über den Wald schauenden Rabensteine, l. der Plissenbergrücken, r. weiter rückwärts der spitze Kleis, westlich die Lausche. Vom Gesellschaftsplatze steigt man sodann durch die Gastwirtschaft und über die Stufen hinab, geht am Ende derselben l. fort in 3 Min. auf die angenehme Waldstraße, die Jonsdorf mit Oberwaltersdorf verbindet; auf dieser l. trifft man nach 11 Min. jenseits des »hohlen Steines« wieder auf den Kammweg, der von den Rabensteinen herkommt.
Den Rabenstein verlassend, steigen wir auf sandigem Waldwege, den Falkenstein r., steil über Stufen 3 Min. lang abwärts zu den Grenzsteinen 75–73, um gleich wieder durch 2½ Min. anzusteigen. Oben ein hübscher Rückblick auf den Rabenstein. Nun wiederum 1 Min. steil im Zickzack über Stufen hinab auf eine Wiese, wo wir eine Ursprungsader des Zwittebaches queren und auf den Grenzhauptstein IV stoßen; l. ist der Steinberg bei Oberlichtenwalde sichtbar. Wir biegen aber gleich wieder in Wald, von der Landesgrenze nach r. ab, und erreichen langsam ansteigend in 12 Min. auf einer Waldblöße die von Jonsdorf (r.) herkommende Straße (Wegweiser): umblickend gewahren wir jenseits des Rabensteins den Hochwald. Wir wenden uns l. auf die Straße, kommen gleich wieder in Wald und haben erst nach 7 Min. wieder einen freien Ausblick: geradeaus die Lausche, nach Süden aber einen überraschenden Durchblick zwischen Plissen- und Steinberg über Niederlichtenwalde hinweg auf Lauf- und Wellnitzberg mit dem Kamnitzberge bei Reichstadt inmitten, mit den Bösigen neben den Buchbergen l., und dem Ortelsberge r. Eine Bank daselbst ladet im Genusse dieses Ausblickes zu einigem Verweilen ein. Gleich dahinter schließt sich wieder der Wald, nur die Lausche bleibt in der Richtung der Straße sichtbar. Ziemlich eben weiter sind wir nach 7 Min. am Lauschepaß angelangt, der 564 m hohen Sattelhöhe zwischen der Lausche und dem Sonneberge (630 m), über den die Landesgrenze schneidet und wo auf österreichischer Seite das zu Oberlichtenwalde gehörige Gasthaus »zur Wache«, sächsischerseits das zu Neuwaltersdorf gehörige Gasthaus »Rübezahl« steht; hier auf der Hauptwasserscheide zwischen Oder und Elbe, wo auch die Knieholzkiefer in einer vereinzelten Gruppe anzutreffen sein soll, hat einerseits der Waltersdorfer Bach, ein Zufluß des Lausebaches bzw. der Mandau, andererseits der Zwittebach, ein Zufluß der Polzen, seinen Ursprung; nördlich führt die Zollstraße über Waltersdorf nach Großschönau, südlich über Niederlichtenwalde nach Zwickau. Ein Wegweiser daselbst belehrt über Richtungen und Entfernungen.
Waltersdorf, zerfallend in Alt- und Neuwaltersdorf, ist ein freundliches Kirchdorf mit 2400 Einwohnern, bedeutender Zwillich-, Wollwaren- und Papiererzeugung und zieht sich vom Lauschepaß längs der Straße fast bis Großschönau; ein Denkmal erinnert an den daselbst 1786 geborenen Hofkapellmeister Friedrich Schneider (gest. 1853); auf dem 646 m hohen Buchberge östlich des Dorfes steht ein Denkmal Kaiser Friedrich III. und eine 1880 vom Waltersdorfer Gebirgsvereine errichtete Schutzhütte.
Auf österreichischer Seite grenzen außer der »Wache« keine Häuser an die Paßhöhe; Niederlichtenwalde, wohin die Straße führt, ist 2 km entfernt und Jägerdörfel, ein aus 18 Häusern und einem kaiserlichen Forsthause bestehendes, unmittelbar am Süd-Fuße der Lausche gelegenes Weberdorf, das einen Ortsteil von Oberlichtenwalde bildet, ist auf ansteigender Waldstraße 20 Min. entfernt, das schon 1391 bestandene Bauerndorf Oberlichtenwalde selbst (128 Häuser), in der Richtung dieser Straße nach 15 Min. weiter. Im Jahre 1778 wurde hier der kaiserliche General De Vins durch die einmarschierenden Preußen überrumpelt, so daß er sich bei Nacht auf einem Fußsteige auf den Limberg zurückziehen mußte; am 19. September 1779 besuchte deshalb Kaiser Josef II. die Örtlichkeiten dieses kriegerischen Ereignisses. Von Jägerdörfel führt in 30 Min. ein im Jahre 1851, aus Anlaß eines in Aussicht gestellten Besuches des Kaisers Ferdinand I. angelegter, sehr bequemer Zickzackweg, der sogenannte »böhmische Weg«, auf die Lausche, in den auch von Neuhütte her ein Touristenweg einmündet und den man bis zum »Rondeau« am Beginne des Zickzackweges befahren kann. Wir schlagen diesen Weg jedoch nicht ein.
Wir folgen dem Kammzeichen, das uns bei der »Wache« quer über die Straße auf einen Fahrweg weist, der 1892 vom Zittauer Rat an Stelle eines seit 1823 bestandenen Steilweges angelegt wurde und an der nördlichen Lehne des Berges, an Ruhbänken vorüber, in 35 Min. auf den Gipfel führt, anfangs am Waldrande und allmählich ansteigend, wobei man einen prächtigen Ausblick nach Großschönau hat, zum Schluß auf ziemlich steilem Zickzackwege mit zwei scharfen Kehren durch prächtigen Buchenwald; in ihn mündet unterwegs r. ein geraderer Weg von Waltersdorf-Großschönau und ein anderer von Tollenstein.
Die Lausche ist die höchste Erhebung (791 m) im Bereiche des Sandsteingebirges. Sie besteht aus Klingstein und überragt etwa 140 m ihre Basis im zentralen Teile des Gebirges; bis zum Jahre 1631 hieß der Berg allgemein Mittags- oder Spitzberg, und die nördliche niedrigere Kuppe Hickelstein. In heidnischer Zeit soll daselbst eine Sonnengottheit (Bilwise) verehrt worden sein. Der Sage nach zeigt sich auf der Lausche, aber äußerst selten, ein wunderbarer Vogel, fast wie ein Adler gestaltet, aber bunter und mit wunderlichem, glänzendem Gefieder; dieser Vogel ist ein verzauberter Prinz aus dem Böhmerlande, der noch immer seiner Erlösung harrt durch einen Jäger, der niemals auch nur das Geringste entfremdet habe. Im dreißigjährigen Kriege und in den Napoleon'schen Kriegen diente das Waldesdunkel der Lausche, in welchem noch 1608 Wölfe hausten, den Bewohnern der Umgebung als Zufluchtsstätte. Manche pflanzliche Seltenheit stößt dem Kenner auf: Alpen-Weidenröschen (Epilobium alpinum L.), langblättrige Sternmiere (Stellaria longifolia Fries), zweiblütiges Veilchen (Viola biflora L.), Knotenfuß (Streptopus amplexifolius DC.), Alpenlattich (Mulgedium alpinum Less.), lockerblütige Ragwurz (Orchis laxiflora Lam.), herzblättrige Zweiblatt-Orche (Listera cordata R. Br.), Braun's Schildfarn (Aspidium Braunii Spenn.), Lanzenschildfarn (Aspidium lonchitis Sw.), russige Grübchenflechte (Sticta fuliginosa Ach.), und noch manche andere. Der geräumige Gipfel trägt außer einer kleinen steinernen Kapelle und außer einer Triangulierungssäule der mitteleuropäischen Gradmessung eine Gastwirtschaft (Nachtlager mit Frühstück Mk. 1·50), deren erste Anlage bis zum Jahre 1822 zurückreicht; im Jahre 1882 wurden die Baulichkeiten bequemer und zeitgemäßer hergerichtet und gleichzeitig ein 10 m hohes hölzernes Umschaugerüst (Benützung 10 Pf.) errichtet, auf welchem 1892 der Gebirgsverein in Waltersdorf eine Orientierungstafel anbrachte; derselbe Verein hat 1895 an einem Pavillon neben dem Gasthause zwei Tafeln befestigt, auf denen die Entfernungen näherer und fernerer bekannter Punkte angegeben sind. Ein kais. deutscher und ein kaiserlich österreichischer Postkasten befindet sich am Gasthause; auch ist seit 1893 eine kaiserlich deutsche Fernsprechstelle daselbst. Mitten durch das Gasthaus schneidet die Landesgrenze, so daß man entweder in der böhmischen, als Nr. 143 zu Oberlichtenwalde, oder in der sächsischen, als Nr. 334 zu Waltersdorf gehörigen Gaststube einkehren kann. Seit 1826 steht neben dem Gasthause eine Glasbude, worin im Jahre 1881 Ignaz Kriesche aus Steinschönau sein fünfzigjähriges Geschäftsjubiläum feierte.