Nun l. auf dem hübsch bepflanzten Burgwege in 7 Min. aufwärts in die Ruine Tollenstein, eine der schönsten Burgruinen Böhmens. Die Ruinen der ehemaligen Burg Tollenstein sind rings um einen, aus Sandstein sich erhebenden, kahlen, schroffen, in zwei mächtige Zacken gegipfelten, in fünfseitiger Säulenform abgesonderten Klingsteinfelsen von 671 m Seehöhe gelagert, welcher nach Nord abgeflacht ist, nach Ost und Süd steil abfällt und nach West durch einen breiten Kamm mit dem Tannenberge zusammenhängt. Der pyramidal aufsteigende Gipfel gewährt, schon von fern gesehen, einen überraschend imposanten Anblick. An den Lehnen des Berges findet sich manch seltenere Pflanze, wie: Basalt-Nordfarn (Woodsia ilvensis R. Br.), Berg-Frauenmantel (Alchemilla montana Willd.), Hügel-Königskerze (Verbascum collinum Schrad.), Scharfkraut (Asperugo procumbens L.), Alpentäschelkraut (Thlaspi alpestre L.), Feld-Enzian (Gentiana campestris L.), weißblühende Akelei (Aquilegia vulgaris L.), hechtblau bereifte Ackerquecke (Triticum repens L. var. caesium), weißer Mauerpfeffer (Sedum album L.), akeleiblättrige Wiesenraute (Thalictrum aquilegiaefolium L.), Wohlverleih (Arnica montana L.).

Man kommt zunächst an den massigen Resten eines, an den Gipfelfelsen südlich sich anschließenden, halbrunden Streitturmes vorüber und längs einer, gewiß noch teilweise 15 m hoch erhaltenen Ringmauer. Auf demselben Wege zogen einst auch die Herren von Tollenstein in die Burg ein; nur bildete damals eine gewölbte, mit zwei Toren versehene Durchfahrt, über welcher ein viereckiger Turm mit mehreren Gemächern sich erhob, den Eingang, während heute, nach dem Einsturze dieses Turmes (1861), dem Besucher eine nichtssagende Kluft im Gemäuer Einlaß gewährt. Vom Torturm an, wo sich l. einst eine Zisterne befand, zieht sich r. etwa 70 Schritte weit eine arg verfallene Brustwehr bis zu einer sechseckigen Bastei, wo sich dereinst die Burgkapelle befunden haben mag; ein Doppelfenster in hochrechteckiger Form ist noch gut erhalten. An der dem Tale zugewendeten Seite dieser Bastei befindet sich das Wappen der Herren von Schleinitz (3 sechsblättrige Rosen). In dieser Bastei war 1865 die erste »fliegende« Restauration untergebracht. Etwa 60 Schritte weiter an der Brustwehr gelangt man zu einem der interessantesten Teile der Ruine, zu einem etwa 10 m hohen, fast kreisrunden, bedenklich zerborstenen Streitturme auf der nördl. Seite, in dessen Unterraume sich das Burgverließ befand. Westlich von diesem Turme reicht abermals eine Brustwehr bis zu dem natürlichen Felsen. Im südl. Teile des ehemaligen Burghofes sieht man noch die zur Felskuppe emporführende Ritterstiege, ferner die wunderbar schön erhaltenen Reste einer Wendelstiege des ehemaligen Burggebäudes und daneben den geräumigen Pferdestall.

In der Mitte des Burghofes hat der Kaufmann Joh. Josef Münzberg aus Georgental im Jahre 1866 mit Bewilligung des Herrschaftsbesitzers eine Gastwirtschaft (mit Nachtherberge für 6–8 Personen) im Schweizerstile erbaut und damit nicht nur einer weiteren absichtlichen Zerstörung der Burgreste entgegengewirkt, sondern auch dazu beigetragen, daß der durch Entstehung, Lage, Geschichte, Sage und Aussicht ausgezeichnete Tollenstein-Felsen ein so beliebter touristischer Zielpunkt geworden ist. Er hat auch eine reiche Sammlung altertümlicher Gegenstände darin zur Schau gestellt, teils solcher, die der Burg selbst entstammen (Gitter, Armbrust, Zangen, Schlösser, Sporen, Hufeisen, Kacheln), teils anderweitiger, z. B. ein aus der niederländischen Schule stammendes Gemälde von 1563, einem Teller aus getriebenem Eisen mit 12 Reiterfiguren aus der Zeit Ferdinand II. Auch ein Bildnis der »weißen Frau«, der schönen Burgherrin Swenhild, der Ahnfrau des Tollensteiner Schlosses, fehlt nicht; der Sage nach hat sie ihren Mann, der sie schlecht behandelte, vergiftet, um ihrem Jugendgeliebten anzugehören, wurde aber von dem sterbenden Manne verwünscht und konnte keine Ruhe mehr im Grabe finden. In einem Kellergewölbe westlich der Gastwirtschaft, das durch Lampenlicht erhellt wird, ist durch ein Gitter ein gefesselter Ritter – darstellend den Stadthauptmann von Zittau Nikolaus von Ponikau, den 1425 die Berka auf Tollenstein gefangen gehalten hatten – als ein Phantasiestück des Vaters Münzberg, zu sehen. Von der Veranda der Gastwirtschaft genießt man nördlich den Anblick eines weiten herrlichen Landschaftsbildes; bei reiner Luft erkennt man mit bloßem Auge die Landeskrone bei Görlitz. Über hölzerne Treppen kann man von der Gastwirtschaft gegen Erlag einer unbedeutenden Gebühr den etwa 20 m höher liegenden Gipfelfelsen, den einst ein schlanker Burgturm krönte, besteigen. Die beiden Zacken sind durch eine Brücke verbunden und mit Aussichtsbalkonen versehen. Von hier aus hat man nicht bloß den besten Überblick über Umfang und Form der einstigen stattlichen Burg, sondern auch einen prächtigen Rundblick in die Ferne.

Nord: Dorf Tollenstein, der Kreuzberg mit Kapelle, r. dahinter die Stadt Georgental, weiter die Kirche von Grund und darüber die nach Rumburg führende Kaiserstraße mit Lichtenhain und Schönborn (Kirche); weiter zurück Aloisburg (Stadtteil von Rumburg), Schlechteberg, Czornebog (Turm); l. hinter dem Kreuzberge blicken die Häuser von Obergrund, Sofienhain und Lichtenstein, darüber ungemein malerisch der Lichtenberger Teich inmitten des gleichnamigen Dorfes, dahinter der Rauchberg (Turm); an Obergrund anschließend der Altbernsdorfer Teich, die Bahnstrecke zwischen Kreibitz-Teichstatt und Schönlinde, von letzterem der Kirchturm gerade vor der Wolfsbergspitze (Turm), welche l. den Zeidler Plissenberg vor Unger (Turm), Tanzplan (Turm) und Valtenberg (Turm), r. den Pirsken vor dem Botzen hat. Nordost: Innozenzendorf, Niedergrund, die ausdehnte Fabriksstadt Warnsdorf, letztere durch den Burgsberg (Turm) von Seifhennersdorf (Kirche) geschieden, hinter welchem Eibau und der Kottmar (Turm) zwischen Kottmarsdorf (l.) und Strawalde sichtbar sind; hinter Warnsdorf der Spitzberg; r. hinter ihm Oderwitz mit seinem Spitzberge, Spitzkunnersdorf und Leutersdorf (Kirche), dahinter der Bahnhof von Herrnhut mit dem Hutberge und Großhennersdorf, weiter hinaus der Löbauer Berg, der Rotstein, die Königshainer Berge, der Spitzberg bei Deutsch-Paulsdorf, Jauernick mit seinem Berge und am weitesten hinten die Landeskrone bei Görlitz. Östlich überragt nur der Gipfel der Lausche (Gasthaus) die vorliegenden Höhen des Vogelherdes und der Finkenkoppe. Südlich im Schöbersattel der Friedrichsberg, r. davon gr. Buchberg und Kleis, im Hintergrunde der Roll. Zwischen Kleis und Tannenberg, welch letzterer im Westen vorgelagert ist, liegt vorn der Meisengrund, darüber der waldumschlossene Bahnhof Tannenberg vor dem Mittelberge, r. der gr. Eibenberg und der kl. Schöber; zwischen den beiden ersteren hindurch sieht man den Hackelsberg, die Häuser von Falkenau, den Preschkauer Mittenberg und den Steinschönauer Berg, dahinter den Rücken von Sonneberg und Ullrichstal, ganz hinten den Geltsch; zwischen dem gr. Eibenberge und kl. Schöber zeigen sich die beiden Ahren- und Himpelsberge, der Schindelhengst und der Kaltenberg (Turm), im Hintergrunde der hohe Schneeberg (Turm); r. hinter dem Tannenberge endlich noch der Lilienstein und die Winterberge.

Die eigentümliche Gestaltung des Berges, seine einen großen Strich Landes beherrschende Höhe, seine nach drei Weltrichtungen erschwerte Zugänglichkeit, lassen es vollkommen begreiflich erscheinen, daß der vielfach poetisch verherrlichte Tollenstein von den ältesten Zeiten her, seit überhaupt Menschen in den Markwald eingedrungen, eine hervorragende Rolle in der Geschichte dieser Gegend gespielt haben mag. Es scheint, daß auf seinem Gipfel eine vorchristliche Kultusstätte bestand, wenigstens deuten Urnenfunde in der Nähe und unbestreitbar aus heidnischer Zeit stammende Sagen darauf hin. Als dann im Mittelalter eine verkehrsreiche Handelsstraße aus Sachsen und Meißen am Fuße des Felsens vorbei in das Herz Böhmens führte, legten die Besitzer des Berges (um 1250) ein festes Haus auf ihm an, welches zum erstenmale 1337, als es von den Zittauern zerstört wurde, als »Tollenstein« (Dohlenstein: arx monedularum) von einem zeitgenössischen Chronisten erwähnt wird. Nach dieser Zeit erst wurde die jetzt in Ruinen liegende Burg erbaut.

Die Grundmühle bei Kamnitzleiten.
Postkarte.

Urkundlich lernen wir überhaupt erst 1353 einen Besitzer von Tollenstein kennen, nämlich Hinko Berka von Dauba auf Hohnstein, der die Burg wahrscheinlich als Lehen besaß und auf seine Söhne vererbte; es ist also nicht unmöglich, daß die Burg von der königlichen Kammer erbaut worden ist. Unter Albrecht Berka wurde auf Befehl des Königs Georg von Podiebrad, gegen den sich jener aufgelehnt hatte, die Burg anfangs Juli 1463 durch die Sechsstädte erstürmt und sodann dem hussitisch gesinnten Heinrich Berka auf Leipa und Johann von Wartenberg auf Tetschen in Besitz gegeben; doch trat ersterer schon am 12. Juni 1464 seinen Besitz an Johann v. Wartenberg ab, so daß dieser der alleinige Herr dieser bedeutenden Veste wurde. Ihm folgte noch im selben Jahre sein Sohn Christoph nach, der aber aus den Kämpfen mit den Lausitzern nicht herauskam, die 1469 durch 5 Tage (bis zum 1. Sept.) den Tollenstein belagerten und das Jahr darauf bei einem zweiten Zuge auch eroberten. Er erhielt zwar die Burg zurück, verkaufte sie aber bald (3. Dez. 1471) an die Herzöge Albrecht und Ernst v. Sachsen, von denen sie aber schon 1481 auf unbekannte Art an Christoph v. Wartenberg zurückfiel. Von ihm kaufte sie, die damals noch Lehen war und erst 1558 freivererblich wurde, am 10. Juni 1485 Hugold v. Schleinitz, von dessen Nachkommen wiederum 1587 Georg Mehl v. Strelitz, unter welchem bereits Schloß und Stadt Rumburg den Mittelpunkt der Herrschaft bildete und dauernd von der Herrschaft Schluckenau, mit der sie seit 1451 vereinigt gewesen, getrennt blieb. In Folge Verschuldung ging die Herrschaft in die Hände von Gläubigern, endlich 1602 (von Lorenz Stark v. Starkenfels) an den Grafen Radislaus Kinsky, den späteren Besitzer der Herrschaft Kamnitz über. Nach der Ermordung Wilhelm Kinsky's in Eger erhielt der Oberst der Wiener Stadtgarden, Hans Leonhard Löbel Freih. v. Greinburg 1637 die konfiszierte Herrschaft. Unter ihm ward die alte schöne Veste zur Ruine. Im Jahre 1642 nämlich hielten kaiserliche Truppen unter Oberst Matlohe die Burg besetzt und beunruhigten von da aus die fouragierenden Schweden unter Wrangel, so daß letzterer das Schloß »mit glühenden Kugeln« in Brand schießen ließ. Das öde Schloß ging 1656 an den Schwiegersohn Löbel's, den Grafen Franz Eusebius v. Pötting, und 1681 von dessen Sohne käuflich an den Fürsten Florian v. Liechtenstein über, bei dessen Nachkommen es bis heute als Bestandteil der Fideikommißherrschaft Rumburg blieb, deren Besitzer seit 1858 Johann II. v. Liechtenstein, Souverän von Vaduz, ist.

Die historische Stätte, welche seit ihrer Verödung vielfach von verdächtigem Gesindel und von Schatzgräbern aufgesucht und geschädigt wurde, deren Überbleibsel zum Teil auch mit Vorliebe als Baumateriale von neuen Ansiedlern im Dorfe benützt wurden, erhielt am 19. und 21. Sept. 1779 den Besuch des unvergeßlichen Kaisers Josef II., als dieser einmal von Neuhütte her über Georgental nach Rumburg, das anderemal vom Tannenberge herab über den Kreuzberg und Obergrund nach Schönlinde ritt.