Diesen geschichtlichen Erinnerungen nachhängend, verlassen wir das alte Gemäuer und folgen dem blauen Kamme weiter. Unser Weg führt – falls wir nicht auf direktem Wege, der alten Rumburger Straße, durch das Dorf nach Georgental (30 Min.) wollen – am Fuße des Berges zum Kretscham, dem alten Tollensteiner Erbgericht, einem durch seinen Umfang auffallenden Hause, wo Ende des 17. Jahrh. Glieder der Familie Süßmilch, aus welcher der berühmte Statistiker Probst Joh. Peter Süßmilch (1707–1767) stammt, das Erbrichteramt ausübten. Auf der dem Wege zugekehrten Wandfläche des Stalles ist eine regelmäßig viereckige, wohl meterhohe und 0·5 m breite Sandsteinplatte eingemauert, die sich ehedem über dem Torwege des Schlosses befand, und auf der das (durch Farben aufgeputzte) Wappen der Berka von Dauba erhaben ausgehauen ist. Die Zahl 1116 darunter hat keine historische Berechtigung und wurde später von dem Erbauer des »alten Gerichts« hinzugefügt, welcher sich die Platte gleichzeitig mit anderen Burgtrümmern zum Baue ausgesucht hatte.

Wir verfolgen nun, unser nächstes Ziel, den mächtigen Tannenberg, vor Augen, auf der alten Rumburger Straße denselben Weg, der in 40 Min. zur Bahnstation Tannenberg führt. Nach 5 Min. biegen wir r. davon ab und erreichen geradeaus nach wenigen Min. den Waldrand. Durch einen schönen Buchenlaubengang gelangen wir in 8 Min. aufwärts auf eine Waldblöße, der Hauptwasserscheide zwischen Elbe und Oder, wo ein Fahrweg r. zum Tannenberger Jägerhause, das schon 1740 bestand, l. zur Station Tannenberg führt. Wir kreuzen diesen, biegen in stämmigen Hochwald ein und sind nach 5 Min. am östl. Fuße des Tannenberges, wo r. ein Touristenweg von Georgental einmündet. Hier beginnt der 1887 angelegte eigentliche Aufstieg zwischen Gerölle und schütterem Gesträuch, darunter die seltenere schwarzbeerige Heckenkirsche (Lonicera nigra L.). Nach 20 Min. mündet l. der Touristenweg von Kleinsemmering-Tannendorf, und nach weiteren 6 Min. ist der Gipfel erreicht.

Der Tannenberg ist einer der höchsten Punkte (770 m) in der Zentralgruppe des Elbesandsteingebirges und wird wohl auch der »Rigi« Nordböhmens genannt. Er wird nur von der Lausche und der Finkenkoppe an Höhe übertroffen und sitzt dem nördlichen, von Neuhütte bis zum Steinhübel bei Schönlinde reichenden Rücken auf. Die oberen zwei Drittel des Berges bestehen aus Klingstein, der Krystalle von glasigem Feldspat und gelbem Titanit einschließt und in oft mehrere Quadratmeter großen Platten mauerartig ansteht, sonst aber als Gerölle die Lehnen bedeckt und den Berg von weitem kahl erscheinen läßt. Auf diesem Gestein findet sich an schattigen Stellen, besonders am Westabhange, die schon beim Hochwald erwähnte wohlriechende Veilchenflechte (Byssus Jolithus L.). Das untere Drittel des Berges wird von mächtigen, durch besondere Festigkeit sich auszeichnenden Sandsteinbänken gebildet, die an der Südseite in einem weithin sichtbaren, großartigen Steinbruche, worin an hundert Arbeiter beschäftigt zu werden pflegen, zu Stiegenstufen, Tür- und Fenstergewänden ausgenützt werden. Die Zufahrt zu diesem Bruche kreuzten wir beim Aufstiege in der Nähe des Jägerhauses. Die zum Spreegebiete gehörigen Quellen am »schwarzen Born« auf der Westseite des Berges wurden 1903 für eine Leitung nach Georgental gefaßt.

Die Gipfelfläche des Berges ist fast durchwegs mit Nadelwald – hauptsächlich Tannen, von denen der Berg den Namen erhalten haben mag – bestanden, weshalb eine vollkommene Rundsicht von einem Punkte aus nicht ermöglicht ist; man kann sich jedoch dieselbe von drei verschiedenen Stellen aus so ziemlich ergänzen, nämlich auf der Westseite, wo die Touristenwege von Nord und Süd heraufkommen, auf einer Lichtung im Nordosten, wo früher eine Steinpyramide errichtet war, endlich östlich bei der 1888 errichteten Schutzhütte auf dem ungemein lauschigen »Fürstenplatze«. Durch den am 14. Sept. 1891 eröffneten, mit einem Kostenaufwande von 10400 K vom Gebirgsvereine für das nördlichste Böhmen erbauten steinernen Aussichtsturm (Eintritt 20 h) ist für den vollkommensten Genuß der Rundsicht, und durch die neben dem Turme vom früheren Herrschaftsbesitzer Fürsten Ferdinand Kinsky erbaute Gastwirtschaft (mit Nachtherberge bis zu 30 Personen) nebst Veranden (mit freier Aussicht) nicht bloß für die Bedürfnisse der Touristen auch Winters, sondern auch für längeren Aufenthalt zum Genusse einer Luftkur vorgesorgt. Der ebenso solide wie zierliche Turm ist rund, vier Stockwerke hoch und endet, 23 m hoch, in eine Plattform, die mit einer hohen Brustwehr umgeben ist und ein 4 m hohes Lichttürmchen in der Mitte trägt. Der Aufstieg über 125 Stufen ist sehr bequem und sicher. Die Besucherzahl beträgt jährlich im Durchschnitte 5000. Die Rund- und Fernsicht ist umfassend und durch überaus malerische Durchblicke ausgezeichnet, so daß schon Kaiser Josef II., welcher am 21. Sept. 1779 bei seiner Bereisung des nördlichen Böhmens auf dem Tannenberge weilte, des Lobes darüber voll war. Der Gebirgsverein für das nördlichste Böhmen hat eine vom Georgentaler Lehrer Heinrich Müller sorgfältig gezeichnete Rundschau, auf lithographischem Wege vervielfältigt, herausgegeben, die beim Turmwart um 20 h zu haben ist.

Süd: Mittelberg und gr. Eibenberg vor dem Hackelsberge, dazwischen ein Teil des Kirchdorfes Falkenau mit dem Buchberge; zwischen diesem und dem Breitfelde (r.) die Spitze des Langenauer Berges; über dem Breitfelde der Wilsch; hinter dem Blottendorfer und dem mit ihm zusammenhängenden Sonneberger Rücken liegt quer der Koselrücken, dem die Ruine des dahinterliegenden Ronberges in der Mitte aufzusitzen scheint, überwölbt von der kapellengekrönten Glocke des Georgsberges im Hintergrunde; weiter r. Steinschönau hinter dem gleichnamigen Berge; dahinter der Hofberg bei Sandau, r. davon hinten der Geltsch jenseits der Rabensteiner und Hundorfer Höhe, und hinter ihm die doppeltürmige Hasenburg bei Lobositz. Südwest: Vorn der kl. Schöber, dahinter der schwarze Himpelberg, links davon der Schindlhengst zwischen kl. (r.) und gr. Ahrenberg; r. über letzteren hinaus der Donnersberg weit draußen; r. hinter dem kl. Schöber der betürmte Kaltenberg, l. davon der Borschen bei Bilin als Abschluß einer Talsenkung, die von kulissenförmig hinter einander geschobenen Höhenzügen gebildet wird (l. Bockner Höhe, Kronhübel, Reichner Höhe, Zinkensteinrücken, Nemschner Hochebene und hohe Wostrai, r. Parlosa, Tannbusch bei Wöhlen, Hortau, Siebenberge, Padloschin); r. vom Kaltenberge der Rosenberg (Turm), zwischen beiden der betürmte Schneeberg vor der Erzgebirgswand. West: Das Kreibitztal mit Oberkreibitz, Schönfeld (l. davon), Stadt Kreibitz (teilweise vom Plissenberge verdeckt), Niederkreibitz, Rennersdorf mit dem Kreuzberge, hinten der gr. Zschirnstein; r. von Rennersdorf die Dittersbacher Felsen, die Prebischwände, die beiden Winterberge mit dem Lilienstein und Höhen von Dresden (Windberg), dazwischen und mit dem Königstein hinter Pabst- und Pfaffenstein zur Linken. Nordwest: Kleinsemmering mit dem Bahnhofe Schönfeld zwischen Plissen- und Fladenberg; dahinter l. der Irig und die Hochbuschkuppe (Turm) hinter einander, r. Unger (Turm), Schweizerkrone und Tanzplan (Turm); vor diesem im Mittelgrunde das Steingeschütte hinter Teichstatt; r. davon in nördl. Richtung die Stadt Schönlinde hinter dem Spiegel des Bernsdorfer Teiches, l. anschließend Falkenhain und Neuforstwalde, dahinter der betürmte Valtenberg jenseits Schnauhübel (Kirche) und des Zeidler Plissenberges, r. die Wolfsbergspitze (Turm), der Pirsken und Botzen hinter einander. Nordost: Vorn Tannendorf, darüber der Kreuzberg, l. von ihm die Kirche von Grund, r. die von Sankt Georgental; dann folgen hinter einander die Kirchdörfer Seifhennersdorf und Eibau, der Kottmar (Turm) mit dem Löbauer Berge l. und dem Rotsteine r., endlich die Jauernicker Berge. Links vom Kreuzberge die zusammenhängenden Ortschaften Sofienhain, Obergrund, Lichtenstein und Lichtenberg mit dem Lichtenberger Teiche, darüber Schönborn (Kirche), weiter Rumburg, dann Georgswalde, Philippsdorf und Gersdorf, l. von Rumburg der Rauchberg (Turm), l. von diesem die Spitze der Altehrenberger Kirche, dahinter der Jüttelsberg und weiter der Mönchswald bei Bautzen; zwischen diesem und dem Löbauer Berge (Turm) spannt sich eine Bergkette mit dem betürmten Czornebog (hinter dem Lichtenberger Teiche) und Bilebog. R. von Georgental im Lausebachtale Niedergrund, dann Warnsdorf, Großschönau, Hainewalde; l. über Warnsdorf der Burgsberg (Warte), dann hinter einander der Warnsdorfer Spitzberg, der Oderwitzer Spitzberg, der Hutberg bei Herrnhut, die Königshainer Berge und die Landeskrone; knapp am Lauschekamme l. der Breiteberg bei Großschönau, dann Hörnitz bei Zittau. Ost: Vorn Dorf und Ruine Tollenstein, l. dahinter Innozenzendorf vor dem Ziegenrücken; r. von diesem die Finkenkoppe, zwischendurch die Lausche, weiter der Sonnen- und Jonsberg, endlich im Hintergrunde l. das Isergebirge mit der Tafelfichte, r. das Riesengebirge mit der Schneekoppe; von der Finkenkoppe r. die Jeschkenkoppe. Südost: Im Schöbersattel Dürreberg und Mergtaler Limberg hinter einander, weiter der Silberstein, hinten die zweispitzige Ruine Trosky vor dem Kosakow und den Lomnitzer Bergen. Rechts vom Schöber der Friedrichsberg, dann der Tolzberg, dazwischen der Dewin mit dem Hammerspitz, draußen der Wiskersch mit Kapelle und der Musky bei Münchengrätz; r. vom Tolzberge hinter einander der Glaserter, der Grüner Berg und der Roll; r. von diesem die beiden Buchberge bei Hühnerwasser, davor der Laufberg. Hinter der Station Tannenberg zu Füßen, neben der die Tannteiche heraufglitzern, ist der gr. Buchberg, an ihm r. der ruinengekrönte Bösig; r. davon bis zum Kleis der Wratner Berg (Turm) und die Hauskaer Berge, davor der Tachner Berg hinter dem Kummergebirge, näher das Schwoikaer Gebirge, ganz vorn der Hamrichberg; r. vom Kleis das Daubaer Gebirge, davor der Maschwitzer Berg und vor diesem Ruine Habichtstein.

Wer hier die Kammtour abbrechen will, hat die Wahl zwischen den Bahnstationen Tannenberg und Grund-Georgental, zu ersterer 40, zu letzterer 50 Min.


Tannenberg-Kaltenberg (3¾ Std.).

Zum Abstiege vom Tannenberge benützen wir einen Teil des Aufstiegweges, bis zur Wegteilung nämlich (4 Min.), wo man einen herrlichen Blick auf die zu Füßen liegende, waldumschlossene Station Tannenberg hat. Hier biegen wir r. ab und wandern einen anfangs fast ebenen und erst später mehr sich senkenden Weg abwärts, an dessen bebuschten Gehängen zahlreiche, weit umher kriechende Stengel von doppelährigem Bärlapp (Lycopodium clavatum L.) auffallen und auch Exemplare des selteneren Haller'schen Reitgrases (Calamagrostis Halleriana DC.) zu finden sind. Nach 10 Min. mündet von rechts der steilere Abstieg vom Berge ein; nach weiteren 5 Min. kommen wir zu einer Wegkreuzung vor einem Kruzifix; wir wandern geradeaus weiter und nach 2 Min. links ab. Gleich darauf treten wir aus dem Walde und haben einen prachtvollen Blick auf die betürmte Wolfsbergspitze, die sich in einer Ausbuchtung des Georgentaler Galgenberges (593 m) scharf abzeichnet, symmetrisch flankiert vom Zeidler Plissenberge l. und dem Pirsken r., während der Valtenberg (Turm) den Hintergrund bildet.