Nun fällt die Straße. Nach 4 Min., wo sie wieder in Wald tritt, verlassen wir dieselbe und biegen r. im scharfen Winkel den Waldrand entlang ab. Es ist nicht unmöglich, daß Kaiser Josef II. am 22. September 1779 auf seinem Ritte von Hasel nach Kunnersdorf durch diesen Wald kam. Denn, wie die Sage berichtet, traf der Kaiser unterwegs im Walde ein Weib, welches Heide hackte. Er fragte, ob das Hacken schwer gehe, ließ sich die Hacke geben und hackte selbst einigemal. Darauf beschenkte er die Frau mit einem Dukaten. Diese Frau hieß Palme und war aus Limpach.

Die Straße weiter durch den Wald würde uns in wenigen Minuten nach Kunnersdorf und eine halbe Stunde weiter in die Stadt B. Kamnitz zur Bahnstation bringen – sehr gelegen für Jene, welche die Kammtour unterbrechen wollen.

Wir haben jetzt auf unserem Wege den Rolleberg, den wir südlich umgangen haben, zur Rechten, hinter ihm r. schauen Kaltenberg und Himmertschberg heraus, während l., bei einer Knickung des Weges nach abwärts, die Doberner Höhen zum Vorscheine kommen. Nach 4 Min. stehen wir auf einem breiten, sandigen Wirtschaftsfahrwege, der l. von Kunnersdorf, das man hier liegen sieht, heraufkommt. Hinter Kunnersdorf macht sich die Kuppe des Sattelsberges bei B. Kamnitz bemerkbar, r. dahinter der Freudenberg und die Doberner Höhe, weiter r. und näher der Huttenberg und ganz nahe nw. der Ottenberg. Auf letzteren zu wandern wir die sandige Straße zwischen Feldern aufwärts, den Lotterberg hinter Kunnersdorf im Rücken. Nach 6 Min. sind wir wieder auf der Sattelhöhe zwischen Himmertsch- und Ottenberg, wo l. ein Wegweiser auf einen abkürzenden Steig nach B. Kamnitz verweist.

Wer mit der Zeit nicht zu kargen braucht, kann von hier einen Abstecher auf den Ottenberg machen, was etwa 30 Min. in Anspruch nehmen dürfte. Der Ottenberg ist eine kahle, aussichtsreiche, bequem ersteigliche Basaltkuppe von 479 m Seehöhe, woselbst die Gebirgsvereinssektion B. Kamnitz am 25. Mai 1892 eine Schutzhütte eröffnet hat. Östlich lenken die beiden treuen Begleiter auf unserem bisherigen Wege, der Kaltenberg und der Himmertschberg, den Blick auf sich; zwischendurch sieht man den Fischberg, l. am Kaltenberge den betürmten Tannenberg und r. am Himmertschberg die Spitze des Kleis. Weiter r. vor dem Blottendorfer Kamme bemerkt man den Mittenberg bei Preschkau, daneben den Steinschönauer Berg mit Steinschönau und hinter diesem die hochgelegene Kirche von Parchen. Gegen Süden liegen in einer Linie Kunnersdorf, die Nolde, B. Kamnitz, der ruinengekrönte Schloßberg, die Scheibenwarte und im Hintergrunde Ruine Altperstein; r. vom Schloßberge der Geltsch bei Auscha hinter der Bockner Höhe, dann der Donnersberg hinter der Hochfläche von Parlosa. Von Südwest her zieht sich die Wand des Erzgebirges bis zum hohen Schneeberg, an den sich nordwestlich über den Rosenberg hinaus die Zschirnsteine, der Zirkelstein, die Kaiserkrone, der Pabst-, König- und Lilienstein und der große Winterberg anschließen. Nördlich liegt Dittersbach mit seinem Felsenkessel, im Hintergrunde die betürmten Kuppen des Tanzplan und Valtenberges, dann näher Rennersdorf mit dem Kreuzberge vor der Wolfsbergspitze, nordöstlich jenseits des Dorfes Kaltenbach Niederkreibitz vor dem Irig und dem Steingeschütt und Stadt Kreibitz vor dem Plissenberge; l. hinter dem Irig die Kirche von Daubitz.

In 3 Min. ist der Höhenrücken im Anblicke der Dittersbacher Felsgebilde gequert; bei einem weithin sichtbaren Wegkreuze r. an unserer Straße verlassen wir dieselbe und zweigen nach r. von der Hochfläche ab, wobei l. Hand am Ottenberge vorüber die mächtige Kuppel des Rosenbergs prächtig auftaucht, r. aber immer noch der Kaltenberg hinter dem nahen Bilfertstein, der in einem prächtigen Durchblicke erscheint, sichtbar bleibt. Zwischen Äckern und Wiesen, auf denen massenhaft Wollgras und Sumpfdisteln wachsen, geht es rasch abwärts, anfänglich durch den sogenannten »Birkenbusch«, dann über die Steinwiesen, wo ehedem fast Stein an Stein von einer seltenen Härte, sogenannter »Flintsstein«, lag; schütteres Gesträuch besäumt wohl auch den Weg, die Fernsicht verschwindet und nach 5 Min. sind wir in hohem Fichtenwalde; hier geht es womöglich noch steiler abwärts, bis wir nach 3 Min. auf einer Brücke ein Wässerchen kreuzen, einen Zufluß des Kreibitzbaches. Dann geht es eine Minute lang aufwärts auf einen flachen Querrücken mit freiem Ausblicke nach r. auf den Limpacher Berg, während l. Wald den Weg besäumt. Dieser Sandsteinrücken kommt vom Limpacher Berge her, zieht sich l. noch 1½ km weiter gegen das Kreibitztal und endet südwestlich von der Grieselmühle etwa 80 m über der Talsohle mit einem schroffen Felsstocke, auf dessen Plattfläche der Besitzer der Grieselmühle 1887 ein eisernes Schutzgeländer und eine Wetterstange anbringen ließ, letztere aus dem Grunde, weil die Bestimmung der Windrichtung in der Grieselmühle unten ziemlich schwierig ist.

Ein Abstecher dahin verlohnt sich. Die Fernsicht gleicht jener von der Dittersbacher Seite des Ottenberges. Besonders schön ist der Blick auf die unmittelbar darunter liegenden Wiesen-, Wald-, Bach- und Teichflächen, ähnlich jenem vom Brand bei Schandau ins Polenztal. Bis jetzt hatte der Punkt keinen Namen; wir wollen ihn aber nunmehr nach dem Vorschlage des Besitzers »Grieselhorn« taufen.

In 4 Min. ist der Rücken überschritten. Wir sind im oberen Rollbusche und nun gehts im dichten Nadelwalde wieder abwärts. Wir kommen nach 2 Min. an einem Wegweiser Kamnitz-Dittersbach vorüber, nach weiteren 3 Min. zu einem Mariahilfbilde an einem Baume mit Bank davor. Hier wird der Abstieg besonders steil und führt durch die Waldstrecke »Lindicht«, das sogenannte »Liencht«, weiter. Der erste Teil des Lienchtweges ist 1886 von der Gebirgsvereins-Sektion Dittersbach umgelegt worden, was als ein großes Verdienst des Gebirgsvereines für die böhm. Schweiz zu betrachten ist. In einer Windung mit gemäßigtem Gefälle zieht sich jetzt der sandige Weg vom Mariahilfbilde in den Grund hinab, wo man nach 6 Min. an einer schmucken, buchenbesäumten Felsennische (r.) mit einer Ecce homo-Statue vorüberkommt und nach weiteren 3 Min. am südlichen Ufer des halbmondförmigen Grieselteiches, auch »Helenen-See« genannt, anlangt, der in einer Ausbuchtung des Kreibitzbachtales inmitten einer herrlichen Wald- und Felsszenerie wahrhaft idyllisch gelegen ist; Teichrosen decken seine spiegelnde Fläche, und gegenüber schaukelt verlockend ein Kahn zur Seite eines Lusthäuschens, das zugleich als Kahnhäusel dient: wahrlich ein entzückendes Bild, würdig, vom Pinsel des Malers verewigt zu werden! Um den Teich l. herum führt der Weg zur Grieselmühle (r.), einer zu Dittersbach gehörigen Einschicht älterer Bauart, die ihren Namen von einem ehemaligen Besitzer Griesel hat und gegenwärtig im Besitze des Schönlinder Fabrikanten Josef Ohme zur Zwirnerzeugung dient, zugleich aber Gasthaus und Touristenstation ist; Tische und Bänke im Waldesschatten l. am Wege laden nach zweistündigem Marsche zur Ruhe und Atzung ein.

Hinter der Grieselmühle führt nach r. an der im Sandstein ausgewaschenen »Najadenhöhle« vorüber ein vom Gebirgsvereine für die böhm. Schweiz 1884 angelegter, mit Ruhebänken besäumter und den Bach mehrfach auf Stegen übersetzender Touristenweg in den nunmehr gänzlich erschlossenen hochromantischen, engen Paulinengrund; unser Weg aber führt l. weiter, auf einer Brücke über den Kreibitzbach und dann r. die Lehne hinauf auf die Dittersbach-Schemmler Bezirksstraße, die man in 10 Min. beim Grieselkreuz (258 m) erreicht. Auf dem Wege dahin hat man rückwärts das Grieselhorn, vor sich den Donsberg diesseits Dittersbach, r. aber an dem den Weg besäumenden Waldsaume zwei riesige, backofenförmige Sandsteinblöcke mit mannshohen, eigenartig ausgewitterten Höhlungen.

Oben beim Dittersbacher Grieselkreuz gibt es Wegweiser in den Gerstgrund, über die Hinschke zu den Eisengruben und ins Scholzental, sowie nach Dittersbach. Letzteres Pfarrdorf, das auf ein hohes Alter zurückblickt, gegenwärtig 110 Häuser zählt, vom Bielebache und der Herrnskretschen-Kreibitzer Straße durchzogen wird, ist Sitz einer Gebirgsvereinssektion mit Studentenherberge und seit vielen Jahrzehnten eine besuchte Sommerfrische, sowie ein Hauptknotenpunkt der böhmischen Schweiz. Es liegt 15 Min., das aussichtsreiche Hotel Bellevue nur 10 Min. entfernt, so daß ein Abstecher dahin nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Dasselbe gilt vom Donsberge, einer 323 m hohen Basaltkuppe, nahe vor uns geradeaus an der Straße; er ist seit 1883 vom Gebirgsverein auf Spazierwegen zugänglich gemacht und gewährt von der 1885 errichteten Aussichtsgallerie einen hübschen Blick auf Dittersbach und seine vielbesuchten, merkwürdigen Felsgebilde (Falkenstein, Marienfelsen, Wilhelminenwand, Rudolfstein, Katzenkirche), die es umkränzen.