Denn als freier Mann aus der Steppe schämte er sich zu verachten. Höchstens sich selbst. Und außerdem ist es eine andere Sache, einem Baschkiren einen Fußtritt zu geben als etwa einem Säulenheiligen. Das fühlte Jehan sehr wohl. Er wurde unruhig und schämte sich, daß er niemals späterhin die Qual davon in seinem Tun mehr los wurde. Aber er wußte auch, daß so viel triftiger Grund dazu gar nicht da war.

In dem jetzt verfallenen Delhi hielt Jehan seinen Hof, in einem Palast, von einer Pracht, die zu beschreiben sich nicht mehr lohnt. In feinen Gewändern liefen die Leute herum, riesige Burgen wurden gebaut und die so merkwürdig aussehenden achteckigen breiten Türme, aus Gold und Elfenbein und Marmor, dazwischen die mit Asche beworfenen Heiligen, hunderttausend Baumeister, hunderttausend Heerführer und edle Perser. Unzählige von Lastträgern, alles Inder und das sonstige winselnde Millionenpack. Was dabei Sonne, Mond und Sterne an Wunder taten, die blauen Schlangen und gelbroten Schmetterlinge und schneeweiße Bäume mit purpurnen Tupfen und langen grünen Schärpen — kann man sich denken.

Schah Jehan unterhielt auch einen Harem mit vielen tausend Frauen. Darüber mußte er immer weinen. Es nützte gar nichts, daß immer mehr Millionen an seinen Burgen und Säulen bauten und arbeiteten, Tag und Nacht. Den Himmel konnte er nicht einreißen und die Qual in seinem Herzen nicht mildern.

Jehans Vorfahren wurden noch zur Liebe gerufen. Da stellte einer den Speer vor die Hütte zum Zeichen, daß er drinnen bei der Frau war. Die Frauen trugen die Liebe. Und Jehan wußte nicht, hatte Mahal ihn gerufen, trägt sie ihn. Vielleicht in den Tagen, da er als Eroberer über das Land zog. Sie sieht seine Arbeit nicht an, fühlt er, lächelt über die Edelsteine, die er ihr zu Füßen legt. Küßt ihn, daß es wild schmerzt. Nicht so, schreit er. Die Haremsfrauen, die er tagsüber besucht. Dämmernd, daß er allein ist. Jehan schreit zu Mahal. Das Lächeln frißt sich ein. Er läßt die Edlen schlagen, die ihr Blick streift. Er baut, plündert, mordet. Mahal lächelt und dehnt sich. Sie kniet demütig, wenn er an ihr Lager tritt, leuchtet bei seinen Festen, daß ihn eine unerträgliche Scham zerreißt: Starr ruht sie an seiner Seite, in Blicken unergründlich, ferner Schimmer — weit — jenseits über ihn weg. Sie wird schweben, ahnt er, ein schillernder Hauch über das Land, das ihrer Familie eigen. Ich bin der noch nicht fremd, keucht er.

Jehan wird schwach und stark zu sich selbst. Schwer lastet eine tückische Angst, Glut schlingt. Er kann die schneeigen Felsenberge nicht ebnen. Er windet sich am Boden, jammert zu einem ihm fürchterlich fremden Gott. Aber Mahal blüht in Schönheit und Liebe. Blüht, reift, überschüttet die kläglich kleine Welt. Reißt es ihn auch empor — er glaubt nicht. Schwankend in stechend scharfen Träumen, daß er Mahal schlägt. Für die Gewißheit ihrer Liebe. Ruhen im Gleiten der Welt zueinander, in Mahal. Jehan erwürgt einen Heiligen. Kein Laut. Hört nicht fremden Ruf, neues Frohlocken. Blind, verzweifelt. Tobt.

Schatten steigen auf, züngeln.

Noch deucht ihm eine leise Stimme näher.

Dann sieht er Hogal aus seinem Geschlecht neben sich stehen. Die Schwester spricht zu ihm, die Schwester führt ihn, die Schwester kniet neben Mahal, die Schwester umarmt ihn. Die Schwester liebt. Jehan erkennt erschauernd, daß Mahal liebt.

Es reißt sich aus ihm los, quillt, will zertrümmern.

Dann schlägt er sich vor die Stirn und stürzt.