Sie war daran, mit dem Blonden ein Nest zu bauen. Und die Kinder werden dann alle miteinander spielen. Sie besucht mit ihm Konzerte. Über alle Stimmen, die sie trafen, hinweg glühte ein Klang, der wuchs, sich wölbte zu einem Dom und sie verschlang. Wie in Zeiten, da alles um die Menschen herum noch stark war, daß sie sich selbst nicht merkten. Er blühte ihr entgegen, aus Chorälen, die sie gemeinsam sangen. Er schwebte vor ihr, wenn sie sich in die Augen sahen. Er strahlte über sie, wenn sie die Straße entlang gingen. Der eine merkte dies alles und wurde unruhig, daß sie nicht zu ihm sprach. Ich fürchte, du wirst alles zerstören, wenn du nicht zu mir sprichst. Er beunruhigte sich. Er sprach hart und abgerissen. Er ging mit ihr dieselbe Straße entlang. Er sprach von Chorälen. Er sprach von dem Klang. Da spuckte sie aus. Sie wies auf Vorübergehende, die sich nach ihr umsahen. Sie schrie: Schweine, Säue und Ähnliches. Die Leute blieben stehen. Sie ballte die Fäuste, sie zitterte. Er merkte, daß sie ihn ganz vergaß. Er redete auf sie ein. Er hielt sie eisern umklammert, als sie einer fremden Frau nachstürzen wollte. Die Augen quollen hervor, dann weinte sie lautlos. Unaufhörlich. Beängstigend. Sie hörte, wie er sagte, zu jeder Reinheit gehört eine Sicherung, sie kann niemals zufällig sein. Er sah, wie sie darüber hinwegglitt. Später hörte sie demütig seinen Entwicklungen zu. Er muß vorher alles wissen, man kann nicht auf seine Kosten leben, Bezahlung schwächt. Er erinnerte sich, daß sie ihn vor einigen Tagen einen Heiligen genannt hatte. Er erinnerte sich, daß sie ihn scheu gestreichelt hatte. Er war still geblieben, die Zähne zusammengebissen. Gestöhnt, warum sagst du mir nichts. Sie fällt wieder zusammen, vermorscht, klagt und muß um Hilfe winseln. Er wird wieder Wärter sein. Eine Glut war über ihm zusammengeschlagen. Er hätte sich quälen mögen, um sie zum Sprechen zu bringen. Er blieb einsam. Und wollte es nicht. Und durfte es nicht. Sie stöhnte zwischendurch, ich bin so dreckig, ich bin ein Hund. Er lauschte. Aber sie sagte nicht: verzeih. Sie schmähte den Blonden. Er widersprach. Er ist schuldlos, du hast ihn genommen. Sieh, daß ein Ende wird. Sie weinte lange. Er sprach viel. Er verteidigte ihn heftiger, aber er schloß immer, der soll sich beweisen . . . . Es war, als ob sie den andern schützen müßte. Er kann sich nicht beweisen, dachte sie. Er ist noch so schwach und klein. Nun gut, hätte er da schließen wollen. Aber sie ging aus seinen Armen und lächelte scheu. Er blieb gebannt stehen. Er brachte keinen Laut hervor. Alles Blut drängte sich zusammen. Er blieb zusammengekauert. Sie war sehr lange aus. Er wühlte sich in die Kissen. Ich hab euch lieb, fühlte er und zuckte.

Es half nichts, daß ihm war, als müßte er ersticken. Daß er verbrannte. Er blieb angeschmiedet und ohne Waffen. Er erinnerte sich, daß sie gestern gewünscht hatte: Eine Stube voll Jungerle. Er erinnerte sich, daß manchmal ihr Gesicht hohl und wie entschwunden war. Hergerichtet zum Schlag und unempfindlich. Er wurde nicht erlöst, das Feuer prasselt. Eine furchtbare Angst war um ihn: ich bin ausgestoßen. Da tauchte eine Tote vor ihm auf, der sein Wesen unaufhaltsam zuströmte. Er dehnte sich beglückt. Er wurde ruhiger. Er merkte, wie sehr er mit einem blassen lustigen Gesicht verbunden war. Er sah dünne goldene Haare, einen flimmernd bleichen Körper. Er mußte ein quälendes Gefühl zurückscheuchen, daß er sie bedrückend empfunden hatte. Ihre Nähe war heiß und fiebrig. Auch glitschig. Aber er sah jetzt in eine Werkstatt. Er sah ihre Kräfte an der Arbeit. Ihn schmieden. Dort war sein Leben. Er versank in ein wohliges Träumen. Er kroch ganz in sich zusammen. Er hörte die Schritte der Frau und wühlte sich tiefer ein. Er hätte rufen mögen, jetzt wenigstens laßt mich in Ruh. Da bebte er in Erschütterungen. Wie Nebel über dem Waldhange sich wölbt, zerreißt und sich wieder fängt. Er quälte diese Frau, er drängte ihr ein Leben auf, das in einem dunklen Land verankert war. Vor dem sie zitterte. Sie liebt die Sonne. Sie umspannt das weite graue Feld. Sie ist im quellenden Wasser, in den Katarakten des Stromes. Sie will leuchten und Glück sein . . . . Er versank in ein dumpfes Weh. Und doch merkte er noch, wie er daran ging, sich aus dem Drohenden, Ungeheuren Kräfte zu ziehen. Er sah sich panzern. Die Augen ausschlagen. Sein Weg ging steil und schmal. Er fühlte, jeder Schritt ist gegen die Welt. Gegen das Glück. Gegen alles höchstes Leben. Und doch . . . .

Aber er mußte es ablehnen . . . .

Denn er mußte es ablehnen, ein Krüppel zu sein.

LÄUTERUNG

Er liegt am Boden. Hat sich eingewühlt in die harten Schollen. Eine Straße atmet und dehnt sich, steigt, keucht schwer im Dahingleiten, reißt — daß er zittert und sich enger preßt. Grüne Halme ballen sich dichter, weiten sich, Wolken tupfen auf blauem Bogen. Er möchte schreien.

Hinten drängen die vielen Menschen. Wimmeln. Weiße Schuhe. Lächelnd verstohlen sehnsüchtig. Straffen sich. Beine. Ein Kind springt. Lockendes Parfüm aus der Zeit, als er zwölfjährig neben einer hochgestellten Dame im Parkett des Provinztheaters saß, die Treppe hinter einer Ingenieursgattin hinaufstieg, die Fäuste gegen die Wand schlug und sich würgte, später: Steine, Segel, Meer, schließlich enger zusammenkroch, heiß, Blut rieselt, bunte lachende Menschen zueinander, alle — Sonne —

Atmete fiebernd, schlug den Hinterkopf gegen das Grau des Himmels, fraß sich tiefer in die Schollen, weinte und schluchzte und wollte beten, ein Duft zog über allen und schlug nieder. Eine ferne Häuserreihe schob sich näher.

Er wehrte sich, dachte sich die Achseln zucken. Aufstehen. Das Gesicht abwischen. Langsam den Leuten zugehen.

Eine Gaslampe, die so lange niedergehalten war, flackert heller und surrt.