Schmidt quälte sich mehr. Er hörte in sich etwas aufbrüllen. Laut sagte er: Ordnung muß sein. Jeder muß sich in etwas hineinfügen, sonst kann eine menschliche Gemeinschaft nicht bestehen, da muß der eine dem andern nachgeben, aber er fühlte zu tiefst eine qualvolle Fessel, es würgte ihn. Er begann wieder, andere Menschen um dessentwillen zu hassen.

Dennoch wehrte sich Schmidt weniger heftig gegen das zarte einspinnende Wesen vieler Gegenstände, die scheinbar von selbst sich zu ihm ordneten. Der Tisch, Schrank, Stühle, die Bettstellen, der Fußboden, die Lampe — sprachen vertraut dämmernd auf ihn ein und umrankten seine Unterhaltung mit den Freunden in zunehmend bestätigender Herrlichkeit. Er lernte viel und streichelte die Bettdecke zaghaft, manchmal beruhigt und voll Erwartungen, einer bisher fremden Seligkeit den Weg bereiten zu helfen.

Draußen — zwischen den Stäben, Verzierungen, Rosetten und Kreisen, die das Fenster vergitterten, schwand Tag um Tag das Licht, sprach in der Dämmerung, summte von Glück. Weiter hinaus stand ein Fabrikschornstein starr gegen den Dunst, ein Gewimmel schwarzer Häuser, daneben ein Stück Laubwald, der bis an den schmalen Garten heranlief. Und wieder daneben Ackerland, die Männer vom anderen Haus gingen häufig drüber hin, aus versteckter Feldhütte kräuselt Rauch. Schmidt hört Schaufeln, metallischen Klang, kurzen Ruf eines Aufsehers, drei große Buchen standen allein, ganz scharf, und weiter weg zog sich der Bahndamm. Tag für Tag.

Schmidt hörte das Rollen der Eisenbahn und lauschte, bis es verklang, die Sirenen der Fabriken, Glockenläuten von fern her, und spürte keinerlei Sehnsucht, so stark lebte er in sich und in allem, was ihn umgab.

Bis er auch nach Wochen selbst in den Garten hinaustrat und immer in der Runde herum und dann kreuz und quer ging, anfangs scheu allein, dann auch mit anderen zusammen. Kinder wurden im geschlossenen Zuge herumgeführt. Hinkten, stolperten, schleppten sich nach, hingen so schleimig aneinander und sangen. Schmidt ging immer den Kindern nach. Da krampfte wer sein Herz zusammen.

Da stand auf einmal alles um ihn herum still. Wurde schwarz. Trocknete ein. Verkroch sich. Wind pfiff.

Da rief wer.

Dann sah er den Wärter auf sich zukommen. Er hätte noch etwas schnell sagen wollen. Aber er mußte sogleich mitgehen. Es war alles so eisig. Die Zäune, Mauern, Stufen, die Glastür. Drin stand der Doktor, eine Frau, ein dicker Beamter, der freundlich lächeln wollte. Plötzlich mußte er daran denken, wie peinlich es sei, draußen sagt einer, Schmidt wird außer der Reihe vorgerufen. Er wurde glühend rot. Sah sich scheu im Vorzimmer um. Die Dame sprach hastig auf ihn ein. Der Doktor sagte etwas zur Dame. Der Beamte klopfte ihm auf die Schulter. Der Doktor maß ihn mit einem scharfen Blick. Schmidt verzog das Gesicht. Die Frau sah gleichfalls sich scheu um. Eine Pause. Eine Frau. Dann drängte der Doktor weiter. Dem Schmidt stieg ein Haß gegen die Frau auf. Er merkte, es beginnt schon zu schlucken, es steigt auf. Willst Du was haben, hörte er. Alles wurde glitschig. Er klammerte sich wo an. Er verzog noch mehr das Gesicht. Bitten kann man hier nicht, dachte er noch. Und doch hätte er die Frau am Arm fassen wollen und auf sie einreden. Der Haß wanderte zum Doktor. Schmidt sagte etwas leise zum Beamten. Der verstand nicht. Wurde plötzlich größer, ein fetter Koloß. Immerhin fühlte sich Schmidt zu ihm hingezogen. Er setzte alles daran, mit dem Mann weiter zu reden. Er merkte, daß er der Frau unrecht tat. Sie wird bald weinen. Er fühlte auch in sich etwas, das unsagbar weh tat. Und ihn wohlig überzog. Dann gingen alle. Er gab die Hand. Und fiel in einen Abgrund.

Schreiend.

Er hörte sich noch einem hinzutretenden Aufseher sagen, ich will heute nicht in den Saal, ich will eine Zelle. Ich halt’s nicht aus. Eine Zelle für mich allein. Der bot ihm eine Zigarette an, draußen im Garten, ein paar Züge —? Es sieht niemand.