»Ja, aber nun sagen Sie mal, wie lange leben Sie mit Ihrer Frau zusammen?« »—« »—« »Also« — nach einer peinlichen Pause — »hier ist angegeben, Sie haben sich mit einem Hammer auf die Stirn geschlagen. Sie leiden an Krämpfen?« »Ich weiß nicht.« Der Doktor steht auf. Lang, hager, faltiges Gesicht, die Augen blinzeln über dem Klemmer hinweg. »Kommen Sie doch näher, fürchten Sie sich denn?« Schmidt lächelt verlegen. »Na also — sagen Sie mir doch, quält Sie die Frau nicht? Man weiß doch, wie das ist.« Schüttelt den Kopf, reckt sich. »Ja?« »Nein« — ehrlich überzeugt. Der Doktor fragt schnell: »Trinken Sie?« »—« »Stottern Sie immer?« So ein Hund, denkt Schmidt. Vorwurfsvoll: »Schmidt —?« »Nein.« Der Doktor legt seine Hand Schmidt auf den Arm. »Vertrauen Sie mir doch.« »Ja, um Gottes willen, was soll ich denn sagen,« sprudelt der hervor. »Sehen Sie, so was tut man doch nicht.« Der zuckt die Achseln. Pause. Dann sagte er leise: »Manchmal kann ich mich nicht halten. Ich muß einfach.« »Wie —« »Ich will nicht mehr leben, es ist so furchtbar, ich halt’s nicht aus, ich will nicht, es ist geradezu . . .« Ein Gewicht fällt nieder. Der Doktor verzieht nervös das Gesicht. »Sie sind jetzt sehr aufgeregt.« Schweigt. Sieht dann zum Doktor auf. Der lächelt etwas. Man hat das Gefühl, die werden zueinander gehen. Schmidt steht auf und sieht zur Tür. »Fehlt Ihnen hier was?« Schmidt verbeugt sich, will gehen. »Warten Sie, lieben Sie Ihre Frau?« »—« Doktor zuckt nervös. »Sehen Sie, Sie sind doch ein prächtiger vernünftiger Mensch, ich glaube, Sie passen nicht zusammen, ha?« Ach — denkt Schmidt geringschätzig, bereitet eine lange Rede vor. Dann sagt er: »Ich prügle sie manchmal.« »—« »Ich muß. Viel schlimmer, als wenn ich mich prügle.« Der Doktor winkt ärgerlich ab, murmelt: »Sie werden doch einen Grund haben.« Schmidt möchte den Doktor in die Gurgel beißen. Er ist hier so machtlos. Schmidt will sprechen. Da kommt schon der Nächste.
So glücklich wurde Schmidt, daß er fest daran glaubte, es würde ihm noch gelingen, den Doktor zu retten.
Es blieb dabei, draußen leuchtete die Sonne blutrot. Die Vorhänge wurden vorgezogen, es hieß schlafen gehen, und sein Glaube wuchs und wurde so übermächtig, daß alle Glieder bebten.
In solcher Nacht lauschte Schmidt dem Ablauf jedes Lebens. Und es kam vor, daß sein Nachbar Schubert sich aufrichtete, stöhnte, einige Worte stammelnd starr gegen das Fenster sah. Auch Schmidt richtete sich auf, er dachte, Schubert wird jetzt zu ihm sprechen wollen. Aber der sah angstverzerrt zum Fenster hin, stöhnte . . . Die Augen, die Augen . . . und brach in Weinen aus. Jammerte: Ich kann nicht hier bleiben, wand sich hin und her, bis er nur noch krampfhaft zuckte. Es half nichts, daß der Wärter ihn festhielt, er begann aufzustehen, es hielt ihn keine Gewalt, er schrie: Ich muß hier fort, liebe liebe Leute. Half nichts, daß man ihn schlug, die Arme und Beine binden wollte — die Wärter schwitzten — er gurgelte und stöhnte und brachte immer neue Kraft auf, alle ringsum im Saal wurden unruhig, Schmidt fieberte vor unerträglichstem Schmerz — dann glitt ein leuchtender Strahl über den Jammernden hin, er lauschte gespannt, Verzerrungen lösten sich, man ließ von ihm ab, Schmidt sah, wie er das eingefallene Gesicht zu einem Lächeln verzog.
Dann fühlte er, wie Schubert nebenan sich lang hinstreckte, den Kopf unter die Decke vergrub. Er fühlte deutlich die entsetzliche Spannung hoch- und niedergehen. Fühlte, wie dessen Körper mitging, er mußte ganz zusammengeballt verkrochen sein. Zwar waren die Hände mit Fausthandschuhen bedeckt am Bettpfosten angebunden, aber sein Blut bebte ruckweise, atmete schwer und sehnsüchtig, bis er erlöst abbrach, ein lauter heller Ton schwebte noch im Saal, dann fiel Schubert wieder völlig zusammen, der Kopf hing zur Seite über das Bett hinaus, der Körper schrumpfte sich mit ein, es war unschwer, auch die Hände wieder aus der Fesselung zu befreien.
Dennoch hatte alle ein ungeheuer lastendes Grauen gepackt, sie schwangen mit diesem Körper mit und waren erstarrt, daß sie nicht mit erlöst wurden. Eine Würgehand hielt alles nieder. Es war entsetzlich, daß niemand die Kraft hatte, laut zu schreien. Nur der Wärter lächelte verzweifelt an seinem Tisch. Er kam allen auf einmal klobig und eckig vor. Ein plumpes glotzendes Stück Menschenfleisch, völlig außerhalb. Er konnte durch das Grauen hindurch kaum deutliche Worte sprechen. Es klang blechern, klapperte vor Unruhe, er hätte sagen wollen, auch das ist eine Krankheit wie zu vieles Saufen oder so etwas. Schmidt sah, daß er sich lieber meilenweit fortwünschte. Es war eine maßlose Überlegenheit vieler Menschen über den Wärter hereingebrochen. Der dachte noch daran, daß Schubert eine junge Frau hatte, der viele Männer auch hier im Hause nachsahen. Er erzählte dann noch jemandem, daß Schubert bei seiner Einlieferung einen feinen Anzug hatte, er sei sicher was Besseres und seufzte zu guter Letzt.
Schmidt wälzt sich noch ruhelos herum, in steigender Angst. Sie greifen wieder in das Leben ein, denkt er. Widerwillen bis zum Speien. Die Eingeweide schmerzen. Kein Fleck an seinem Körper, der nicht wieder betastet werden wird. Es fließt ekle Weichheit über ihn. Er möchte sich aufbäumen und ist doch so wehrlos. Sieh mal, hört er eine ferne Stimme sich zusprechen, die Menschen sind aufeinander angewiesen. Nein, will er schreien, doch doch, sie sollen sich ergänzen, auch trägt die Kraft des einen viele anderen mit. Ich habe keine Kraft, begehrt er auf. Allerdings bin ich auch zu viel mit anderen Menschen verbunden, gesteht er sich zu — darum will ich jetzt allein sein. Aber die Glut, die über ihm ist, läßt nicht locker: Sei doch stark. Er beginnt schon nachzugeben, Tränen steigen auf. Wenn ich auch wollte, ich kann doch nicht, fühlt er noch. Dann ist er bereiter. Vielleicht soll man sich wieder mitten in die Welt hineinstellen, beschließt er. Ich habe die Frau doch nicht geliebt, fällt ihm ein. Ich muß erst einsehen, daß sie mich völlig trägt. Vielleicht wird sie bald zu mir kommen, fühlt er. Muß daran denken, daß sie bei ihren Besuchen immer Tränen in den Augen hat. Es braucht nicht alles glitschig und schmierig zu sein. Er ist schuld, daß sie nicht freier atmet. Es nützt nichts, sich selbst zu zerstören. Alles Betrug. Warum sollen die andern ersticken, daß er nicht leben will? Er beginnt sich glühender zu schämen. Wie ein schmerzendes Netz liegen die Gedanken über ihm. Er muß die Knoten von innen her ausbrennen. Freies Leben. Frohlocken.
Dann spinnt er ruhiger seine Pläne fort. Er fühlt, daß er unendlich stolz geworden ist. Jetzt merkt er erst, daß er schon viele Menschen in sich lebt. Sehnsucht quillt. Wenn er die Tiere liebt, Blumen, den Horizont, den blauen Strich ferner Wälder und im Menschen das alles zusammen? Zuerst in dem einen einmal bestimmten und gewählten Menschen — niemals mehr Ekel empfinden, sich gehen lassen. Mag er selbst noch gezogen, gezwungen, bestimmt sein — los! Er wartet alle Tage auf die Frau. Schillernder Frühling macht alles weit, das Feld dehnt sich und lockt. Er muß ganz schnell im Garten hin- und herlaufen. Er muß den Doktor, den Oberwärter, gar den Professor glückstrahlend grüßen, dankend aufatmen. Das Lächeln verstrickter Gewohnheiten ist hinter ihm. Klammert sich an. Gibt mir Kraft, fühlt er. Ganz frei.
Wenn auch draußen die Sonne steigt und fällt, freches Grün zwitschert, Schmidts Sehnsucht klammerte sich nicht daran. Eine andere Arbeit hielt ihn im Bann und zwang und lockte. Es galt, sich tiefer zu festigen. So, daß er täglich mit sich rang und Erinnerungen vor sich ausbreitete, die zwar tiefe Wunden geschlagen hatten und immer wieder das Blut sieden ließen, aber dennoch eine mehr regelmäßige Bewegung loslösten, auf deren Zügelung Schmidt alle Hoffnung setzte. Darin war der Glanz seiner Umwelt mit einbegriffen.
Er dachte — zwischen blutheißen Schauern und bohrenden Erbitterungen — an den Musiker, zu dem erst noch unlängst die Frau gelaufen war: Sie muß ihm helfen, ruft er mich nicht — ist nicht auch dort mein Platz? Sicherlich hat sie so gesprochen, jedenfalls lief sie hin, sie blieb Nacht für Nacht dort, gleichwohl er sie schlug, sich selbst das Haar raufte, auf dem Boden lag und mit den Füßen schlug. Schmidt fühlte, es wird nie sein, daß er das begreift. Damals hatte er auch noch gejammert: Ich hab’ ihr doch nichts getan. Bald wußte er, das war es nicht. Auch der andere nicht. Ich hätte auch sein Freund sein können, erinnerte er sich. Und das Schlimmste — schließlich versank wieder alles. Die Frau ließ allmählich den Musiker fallen. Es wurde eher, daß Schmidt ihn hätte verteidigen wollen, er fühlte sich immer näher, er kam nie dazu, sich klar auszusprechen, die Frau stritt gegen ihn, sie wurde so leidzerrissen, daß er erschrak und verstummen mußte. Das Leid dieser Frau schob sich dazwischen und verlangte nach ihm, fraß sich ein und erstickte alles. Das Leid dieser Frau. Manchmal war es so lächerlich klar, daß er sie nicht liebte. Er dachte daran, Liebe ist etwas Befreiendes, es muß aufstürmen, Empörung, ungeheueres Glück sein. Alles das aber kann es nicht sein, grübelte er. Eher eine Erweiterung voll gräßlicher Anstrengungen, sich zu ertragen in all dem Mehr. War der Musiker ein Stück Holz — mußte er nicht ein Mensch sein, der auch zu ihr strebte, und dennoch wußten sie voneinander nichts. Sie vereinten sich niemals. Schmidt konnte keine Antwort geben. Biß sich die Faust, das Blut sickerte. Er stellte sich hin und hämmerte sich in den Kopf. Ich will dennoch aushalten. Ihr Blut strömt zu einem andern, sie schließt mich aus. Gut, ich ersticke trotzdem nicht. Aber er weinte.