Diese Zeichnung des Wilars ist ein interessantes Beispiel für die Projektionsart des Mittelalters, die einen noch so komplizierten Apparat in einer einzigen Ebene klar und deutlich darzustellen imstande ist. Im ersten Moment vermutet wohl niemand in dem hoch oben schwebenden Rad ein Wasserrad, doch wenn man sich in diese Darstellungsart hineingelebt hat, gewinnt auch der Laie hieraus schneller ein Verständnis von einer Maschine, als aus unserer dreiseitigen Projektionsart. Ebensoviel Großzügigkeit wie Wilars und viele seiner Nachfolger in diesen Darstellungen bekunden, ebensoviele Fehler und Unmöglichkeiten bergen sie darinnen. Es würde hier z. B. nach der Stellung der Schaufeln am Rad b der zu sägende Balken g durch das Zackenrad i von der Säge weg statt gegen sie bewegt werden. Es müßte das Transportrad i im Gegensatz zum Wasserrad b viel kleiner sein. Es müßte endlich das Hebelwerk d genauer angegeben werden.
Wilars war ein weitgereister französischer Architekt und Ingenieur, der in einem uns erhalten gebliebenen Skizzenbuch verschiedene Maschinen, Brücken und Bauwerke aufgezeichnet hat[26], die er auf seinen Reisen kennen gelernt.
Das älteste in Deutschland beglaubigte Sägewerk mit Wasserbetrieb war die Hanrey-Mühle in Augsburg, die für das Jahr 1322 nachweisbar ist[27].
Soweit sich die Chroniken der deutschen Städte übersehen lassen, wird erst weit über hundert Jahre später von einer andern deutschen Sägemühle aus Breslau berichtet, die im Jahr 1427 in einer Pacht-Abrechnung genannt wird[28]. 1490 kaufte Erfurt einen Wald, um eine Sägemühle darin anzulegen[29].
Eine prächtige Stickerei in Seide und Gold ([Seite 25]), die aus dem Besitz der Grafen von Champagne stammt, wird im Schatz der Kathedrale zu Troyes aufbewahrt[30]. Die Kleidung der Figuren läßt darauf schließen, daß dieses Stück, das wohl ein Geldbeutel oder Klingelbeutel gewesen ist, aus der Zeit von 1350–1400 stammt. Zwei Frauen sägen mit einer Rahmensäge ein menschliches Herz. Es soll sinnbildlich dargestellt werden, daß die Frauen den Männerherzen blutige Schmerzen bereiten. Rettend kommt aus einem Wolkengebilde eine Hand mit einem Beil, um die Säge zu zerschlagen. Vom Himmel her kommt also den irdischen Liebesschmerzen die einzige Rettung.
Der Nürnberger Bürger Konrad Mendel stiftete 1380 ein Asyl für zwölf alte, jedoch gesunde arme Handwerker. Jedes Mitglied der Brüderschaft porträtierte man in arbeitender Stellung in Hausbüchern[31] der Stiftung. So besitzen wir von 1380 bis 1797 über 300 sehr wertvolle Bilder von arbeitenden Nürnberger Handwerkern. Leider ist eines der Porträtbücher, das von 1549 bis 1791 reicht, verschollen.
Unter den ersten 12 Brüdern ist als fünfter ein »Säger« abgebildet. Das Blatt ist aber leider stark beschädigt, denn es ist seit langer Zeit das erste Blatt des Buches, weil die vier voraufgehenden Blätter weggerissen sind. So hatte es keinen Zweck, die Bruchstücke dieses Bildes photographieren zu lassen. Eine Beischrift zu dem Bilde sagt: »Der fünft bruder hyess Hans vnd was ein Seger«.
Rahmensäge mit drehbarem Sägeblatt. Nürnberger Malerei von etwa 1398.