Fig. 55. Erklärung des Tricks: die Auswechslung der Personen.
Von diesem einfachen Hilfsmittel der Aufnahmeunterbrechung wird häufig Gebrauch gemacht. Der Film, geduldig wie er ist, reiht Bild an Bild auf, wie und wann es dem Photographen gefällt. Und das Publikum bekommt nachher die Bilder in sausender Folge vorgeführt; es merkt nicht, daß der Kinematograph lügt, daß da zwischen einzelnen Bildern ganze Stücke fehlen — kein Wunder, daß ihm die Vorgänge zauberhaft erscheinen. Da gibt es die unglaublichsten Sachen zu sehen. Leblose Gegenstände führen einen Tanz auf; Streichhölzer spazieren aus der Dose, die sich selbst öffnet, und bauen sich zu Figuren auf; Werkzeuge leisten Arbeit, eine Säge zerschneidet ein Brett ohne Zutun. — Wie leicht ist das alles zu machen, wenn man einmal den Kunstgriff kennt, wie einfach ist die Erklärung, wenn man einmal weiß, daß die Hilfsvorgänge, die dem Zuschauer verborgen bleiben sollen, nicht mitphotographiert werden!
Fußnoten:
[1] Die Fig. [51]-[55] sind hergestellt nach Aufnahmen der Firma Léon Gaumont, Paris, und zwar mit Genehmigung der Pariser Zeitschrift »L'Illustration«. Sie wurden entnommen aus des Verfassers Schrift »Das lebende Lichtbild«, Düsseldorf 1910.
[Die wissenschaftliche Kinematographie]
Gegenüber der ausgedehnten Verwendung des Kinematographen im Theater steht seine wissenschaftliche Verwertung noch stark zurück. Aber was auf den verschiedenen Wissenschaftsgebieten mit Hilfe kinematographischer Aufnahmen bereits geleistet worden ist, erscheint so beachtenswert, daß die Gelehrten den Apparat im Laufe der Zeit ohne Zweifel immer mehr heranziehen werden. So hat der Pariser Physiologe Marey schon vor mehr als 20 Jahren die Kinematographie zum Studium der Bewegungsvorgänge bei Menschen und Tieren benutzt. Andere setzten seine Arbeit fort und dehnten sie aus auf Herzbewegungen und Kehlkopfbewegungen. Erfolgreich hat man den Kinematograph in Verbindung mit dem Mikroskop, ja sogar mit dem Ultramikroskop gebracht, das uns die feinsten Partikelchen zeigt. So wurden durch Dr. Commandon und vor ihm schon durch Dr. Reicher auf dem Film die Bewegungen der Blutkörperchen und ihr Kampf mit den ins Blut eingebrachten Bazillen festgehalten. Man sieht, wie die Krankheitserreger über die roten Blutkörperchen herstürzen, um sie zu verzehren.
Mit Hilfe kinematographischer Aufnahmen gelang es ferner, den Flügelschlag der Insekten zu erforschen. Die Fliege bewegt ihre Flügel so rasch, daß man nichts als ein Flimmern wahrnimmt; auch der beste Beobachter ist machtlos dagegen. Der Kinematograph, mit großer Geschwindigkeit laufend, so daß er bis zu 2000 Bilder in der Sekunde aufnimmt, hält alle Phasen der Bewegung fest. Und wenn dann die gewonnenen Bilder mit normaler Geschwindigkeit — 16 in der Sekunde — auf den Projektionsschirm geworfen werden, so spielt sich der Vorgang mehr als hundertmal langsamer ab: mit Ruhe kann man nun das Auf- und Abgehen der Flügel und das Arbeiten des Flugmechanismus verfolgen. Umgekehrt hat man mit Hilfe des Apparats Bewegungen, die zu langsam vor sich gehen, als daß man sie zu übersehen vermöchte, künstlich beschleunigt. Auf diese Weise kann man das Wachstum der Pflanze mit dem Auge verfolgen. So wurde z. B. eine aufblühende Victoria Regia mit überaus geringer Geschwindigkeit — etwa alle 2 Minuten ein Bild — aufgenommen. In der Projektion der Aufnahme, die mit normaler Geschwindigkeit: 16 Bilder in der Sekunde — also etwa 1800 mal rascher — erfolgt, sieht man dann den Vorgang, der in der Natur Stunden in Anspruch nimmt, innerhalb weniger Minuten sich abwickeln. Man verfolgt deutlich, wie die Knospenhüllen sinken, wie sich ein Blütenblatt vom andern hebt, bis die herrliche Blume voll entfaltet ist, und wie sie alsbald wieder vergeht.