Bei keinem Thiere finden wir endlich die Erscheinung des Wahnsinns, wir finden sie aber bei dem Menschen, und zwar insbesondere in jenem Falle, wo irgend eine Funktion (z. B. die Geschlechtsfunktion bei dem furor uterinus) eine übermässige Stärke erlangt, und also ein Theil des menschlichen Organismus aus seiner coordinirten Stellung zu den übrigen heraustritt. Dennoch dürfte der bei dem Furor erregte Trieb an Stärke schwerlich jenem, welchen ein Thier zur Brunstzeit empfindet, gleichkommen[37].

Es erhellt daher, dass ohne gänzliche Zerrüttung des menschlichen Sein's die Beschaffenheit keines einzelnen Organes sich so gestalten kann, dass es sich zum Triebe in der Weise entwickle, wie dieses bei dem Thiere der Fall ist, und dass daher selbst der physische Organismus des Menschen so eingerichtet ist, dass alle dessen einzelne Theile in einem, der Bestimmung des Menschen, ein geistiges Leben zu führen, entsprechenden Verhältnisse stehen, welches Verhältniss, wo es gestört ist, jedenfalls eine Anomalie, entweder durch eine fehlerhafte ursprüngliche Anlage oder durch den Zustand der Krankheit, bildet.

§. 64.

Bereits bei [§. 32] wurde der Satz ausgesprochen, dass der Mensch in seiner irdischen Laufbahn nur ein Wesen, d. i. ein vollkommenes in allen seinen den verschiedenen Aeusserungen desselben entsprechenden Anlagen innig verbundenes Ganzes sei, ja dass die Annahme von verschiedenen Anlagen desselben Menschen nicht in der objektiven Beschaffenheit des Subjektes, sondern nur in der subjektiven Vorstellung des Beobachters desselben gegründet sei, welcher, um sich die Uebersicht des Ganzen zu erleichtern, gewisse Abstufungen festsetzen muss.

Aus dieser Ansicht folgt nun auch die Nothwendigkeit, den Satz, an dessen Richtigkeit übrigens ohnehin Niemand zweifelt, hier besonders auszusprechen, dass auch kein einzelnes Organ des Menschen ein für sich bestehendes Ganzes, sondern nur immer ein Theil jenes Wesens sei, welches wir Mensch nennen, und sich daher nur für den dritten Beobachter als ein Theil jenes Wesens ausspricht, weil es eine besondere Verrichtung übt, welche nur dieses, nicht aber ein anderes Organ zu leisten im Stande ist. — Nur das Auge übt die Funktion des Sehens, nur das Ohr jene des Hörens, allein es lässt sich nicht sagen, das Auge sieht, oder das Ohr hört, sondern, wenn man nicht figürlich sprechen will, so muss man sagen: der Mensch sieht mittelst des Auges, der Mensch hört mittelst des Ohres u. s. w., welches mit anderen Worten so viel sagen will, als: er entwickelt Vorstellungen, die einer Empfindung entsprechen, welche in dem Angeregtwerden durch äussere Eindrücke mittelst des Auges, des Ohres u. s. w. entstanden sind.

Jeder mögliche neue Eindruck, welchen der Mensch durch die Sinne erhält, trifft nun auf alle durch die früheren Eindrücke veranlassten, noch vorhandenen Vorstellungen, und bildet mit diesen ein neues Ganzes, wodurch daher in dem ganzen Wesen des Menschen nothwendig eine Veränderung entsteht.

Diese Veränderung gibt sich nun durch jene Erscheinung kund, welche wir Ideenassociation nennen, und bezüglich deren uns die Erfahrung lehrt, dass jeder Eindruck, dessen sich der Mensch bewusst wird, somit jede Empfindung eine eigene Ideenassociation zur Folge hat.

So richtig diese Erfahrung ist, so wenig darf man sich dadurch verleiten lassen, diese Erscheinung als etwas Selbstständiges zu betrachten, sondern sie ist, von Fall zu Fall, eine Wirkung der Gesammtthätigkeit eines Menschen, auf welche jedes einzelne (physische) Organ so gut seinen Einfluss hat, als auf die entstandene Empfindung selbst. Der etwa an Kopfschmerzen leidende Mensch empfindet bei dem Lärme einer Trommel etwas Anderes, als der Gesunde, der blosse Anblick einer Trommel wird ihm daher eine andere Ideenassociation erregen, als wenn er gesund wäre u. s. w.

Die Richtigkeit dieser Ansicht ergibt sich aber noch mehr daraus, wenn man erwägt, welche Rückwirkung die Ideenassociation auf die physischen Organe hat, denn es gibt bekanntlich Nachrichten, die im Stande sind, einen Gesunden krank und einen Kranken gesund zu machen. Es ergibt sich daher, dass es sehr irrig wäre, anzunehmen, dass an der Ideenassociation nicht auch die körperlichen Organe ihren wesentlichen Antheil haben, dass daher die Ideenassociation selbst, wie jeder andere Zustand, eine Veränderung im Gesammtleben des Menschen sei.

Hieraus ergibt sich nun der weitere Satz, dass bei jedem Eindrucke, welchen der Mensch erfährt, sich eine doppelte Wirkung in Bezug auf das Individuum als Ideenassociation aussprechen wird, nämlich nach der Art und Weise, wie er das Organ affizirt, welches denselben aufnimmt, und auf welche Disposition des Gesammtlebens, d. i. auf welche allgemeine Stimmung er in dem Augenblicke trifft, als er aufgenommen wird, insbesondere aber, welche Vorstellungen bei seinem Eintritte bereits vorhanden oder auch nicht vorhanden sind[38].