Der Mensch ist nämlich in seiner Totalität nicht blos ein sittliches, sondern er ist auch ein sinnliches Wesen, während er sich nämlich in dem Stoffe, aus welchem seine Vorstellungen gewebt sind, dadurch, dass diesem Stoffe wirklich ein Uebersinnliches beigemischt ist, wesentlich von dem Thiere unterscheidet, muss die Entwicklung der Vorstellungen, da hiezu die wirklich sinnlichen Organe das Werkzeug sind, auch den organischen Gesetzen gehorchen.

Unter diese Gesetze gehört es nun auch, dass zwar keine Affektion des einen Organes, ohne den Gesammtorganismus zu berühren, möglich ist, dass aber in dem Masse, als das einzelne Organ stärker berührt wird, die Berührung, welche der Gesammtorganismus dadurch erleidet, weniger empfunden wird, und dass daher, je heftiger ein Affekt hervortritt, um so geringer das Bewusstsein von dem Eindrucke, welchen das Gesammtleben dadurch erfährt, werde, am Ende aber, wenn der Affekt auf das Höchste gestiegen ist, auf den Nullpunkt herabsinken muss.

Auch bei dem höchsten Affekte sind daher die Vorstellungen des Sittlichen nicht ausgeschlossen, in dem Masse jedoch, als der Affekt steigt, werden alle Vorstellungen, die mit dem Gegenstande des Affektes nicht im unmittelbaren Zusammenhange sind, schwächer werden, und daher minder im Stande sein, auf die Thätigkeit, welche der Affekt fordert, hemmend zu wirken, und daher im heftigsten Grade des Affektes ihre Wirksamkeit ganz verlieren.

§. 69.

Je heftiger ferner der Affekt ist, um so weniger können durch solchen selbst andere Vorstellungen erzeugt werden, als solche, welche sich eben auf die Entwicklung des sich äussernden Triebes[40] beziehen. Wenn also in dem Augenblicke, als ein solcher Affekt eintritt, nicht schon bestimmte sittliche Vorstellungen, und zwar mit einem gewissen Grade von Intensität vorhanden sind, so werden sie auch die Wirkung des Affektes nach Aussen zu nicht hemmen können.

Der Grund eines solchen Mangels der Entwicklung sittlicher Vorstellungen gegenüber dem Affekte kann jedoch auch in der subjektiven Beschaffenheit des Individuums liegen, welches entweder durch natürlichen Stumpfsinn (Dummheit) oder durch Mangel an Statt gefundenem Eintritte deutlicher sittlicher Vorstellungen (Roheit) wenig derlei Produkte in sich aufgenommen hat, wo dann ein weit geringerer Grad des Affektes hinreicht, die im vorigen Paragraph angedeutete Wirkung zu erzeugen.

Eben dieselbe Folge kann in dem Falle eintreten, wo bereits eine krankhafte Disposition im Menschen vorhanden ist, durch welche eine, wenn auch nicht vollkommen die Objektivität der Auffassung aufhebende, jedoch theilweise Geistesverwirrung entsteht, oder wodurch die sonst gewöhnliche Entwicklung der Ideenassociation entweder gehemmt (wenn auch nicht aufgehoben), oder nach einer besonderen Richtung geleitet, oder an der Verfolgung einer gewissen Richtung gehindert wird. Einiges in dieser Art wird beinahe jeder nur einigermassen erhebliche Krankheitszustand, so wie auch Trunkenheit, wenn sie auch den Menschen der Besinnung noch nicht vollständig beraubt hat, bewirken.

Da nun, wie es bei [§. 20] gezeigt wurde, die Vorstellung Desjenigen, was unter gewissen Verhältnissen das Sittengesetz von dem Menschen fordert, auf doppeltem Wege zum Bewusstsein gelangt, nämlich durch das eigene Sittlichkeitsgefühl und durch traditionelle Mittheilung, dass unter gewissen Verhältnissen ein gewisses Benehmen den Forderungen des Sittengesetzes entspreche oder nicht entspreche, so kann es geschehen, dass einem in einem heftigen Affekte befangenen Subjekte nur die durch Tradition erhaltene Vorstellung seiner Verpflichtung zum Bewusstsein kommt, während das Gefühl, welches dieses bestimmte Verhalten von ihm fordert, sich gar nicht, oder doch nicht mit solcher Energie, äussert, dass das Subjekt eine Empfindung von der hierdurch erfolgten Anregung erhielte.

Da nun in solchen Fällen die Erinnerung an die blos traditionell überkommene Vorstellung ohne besondere Anregung bleiben wird, so ist es dann ganz natürlich, dass sie der durch den Affekt hervorgebrachten Anregung entweder gar keinen oder nur einen ganz unbedeutenden Widerstand zu leisten vermag, eine Stimmung, durch welche allein die Thatsache sich erklären lässt, dass zuweilen ein Subjekt angibt: ich wusste, dass Dasjenige, welches ich that, Unrecht sei, allein ich konnte nicht anders — eine Stimmung, deren psychologische Möglichkeit sich daher nicht schlechterdings läugnen lässt.

§. 70.