B. Leidenschaften.
§. 72.
Was ist Leidenschaft? Jede Wissenschaft, in welcher dieses Wort vorkommt, hat darüber ihre eigenen Ansichten, welche jenen anderer Wissenschaften oft schnurgerade entgegengesetzt sind. Die Moral findet in den Leidenschaften gerade den Weg, welcher den Menschen von seiner Bestimmung ablenkt, während der Geschichtschreiber in den menschlichen Leidenschaften gerade das Vehikel erblickt, welches ihn seiner Bestimmung zuführt u. s. w., und die Physiologie beweiset, dass gewisse Leidenschaften eine nothwendige Folge gewisser organischer Verhältnisse sind, und ohne diese Verhältnisse gar nicht eintreten können.
Um nun bei diesen abweichenden Ansichten einen festen Grund zu finden, auf welchem man diesem Gegenstande die richtige Seite abzugewinnen vermag, erübrigt nichts, als solche Thatsachen aufzusuchen, welche hierüber ein hinreichendes Licht gewähren, und zugleich so allgemein bekannt oder doch Jedermann so vor Augen liegend sind, dass sie nicht wohl bestritten werden können.
Leidenschaft und Affekt sind verschiedene Begriffe. Es gibt nämlich Affekte ohne Leidenschaft, auch sind die Thiere mancherlei Affekten unterworfen, Niemand hat jedoch von einer Leidenschaft eines Thieres im Ernste gesprochen[41]. Es ist also das Vorhandensein von Leidenschaften eine Erscheinung, welche man dem Menschen im Unterschiede von dem Thiere zuschreibt.
Man spricht aber ferner von der Leidenschaft als etwas, welches der Mensch zum Besten der Sittlichkeit bekämpfen soll, es muss daher unter Leidenschaft ein Zustand verstanden werden, welcher in naher Beziehung mit der Sittlichkeit steht.
Man nennt ferner einen Menschen leidenschaftlich, wenn er von allen, oder doch verhältnissmässig von vielen Gegenständen, mit welchen er in Berührung kommt, so heftig angeregt wird, dass er dann Dinge, welche sonst entweder wirklich zur Sache gehört hätten oder für ihn doch sonst von Wichtigkeit gewesen wären, nicht mehr berücksichtigt. Man sagt, ein Mensch habe für einen bestimmten Gegenstand eine Leidenschaft, wenn er, um diesen Gegenstand zu erreichen, Dinge unberücksichtigt lässt, die er nach vernünftiger Beurtheilung der Sache nicht hätte ausser Acht lassen sollen.
Die Leidenschaft besteht aber endlich nicht in dem Streben des Affektes nach Befriedigung, denn Niemand spricht bei Jemanden, welcher nun schon ein paar Tage gehungert hat, von einer Leidenschaft für das Essen, so wenig, als man von Jemanden, der auf einer schiefen Fläche steht, sagt, er habe einen Trieb zum Fallen, sondern man erkennt an, dass der Mensch im ersten Falle nothwendig einen heftigen Trieb zum Essen empfinden müsse, im letzteren aber durch eine äussere Gewalt zum Umfallen bestimmt wurde.
Ein aufgeregter Trieb kann endlich wohl Leidenschaften veranlassen, allein es lässt sich nicht sagen, dass eben ein aufgeregter Trieb immer die Quelle der Leidenschaften sein müsse, denn bei den meisten jener Zustände, welche man als Leidenschaften bezeichnet, lässt sich gar nicht einmal nachweisen, dass ein und welcher Trieb ihnen zu Grunde liegen soll, z. B. bei der Leidenschaft des Spieles, des Trunkes u. s. w., ja es lässt sich nach dem, was eben gesagt wurde, behaupten, dass, wenn eine Handlungsweise blos durch einen aufgeregten Trieb bedingt wird, diese Veranlassung nur Affekt und niemals Leidenschaft genannt werden könne.
Dagegen aber ist der Umstand unverkennbar, dass man Zustände als Leidenschaften bezeichnet, welche, wie oben erwähnt, gar nicht aus bestimmten Trieben, sondern nur aus solchen Vorstellungen hervorgehen, welche selbst nur die Folge einer langen und oft sehr komplicirten Reihe von Vorstellungen sind, z. B. Eifersucht, Herrschsucht, Geiz u. s. w., ja wir begegnen sogar der Erscheinung, dass der in Leidenschaft befangene Mensch im Stande ist, die stärksten Triebe zu unterdrücken, wenn sie dem Ziele seiner Leidenschaft entgegen sind, und zwar tritt hier noch der besonders zu berücksichtigende Umstand ein, dass diese Wirkung der Leidenschaft sich in um so höherem Grade und in desto grösserem Umfange gewahren lässt, je mehr der Gegenstand, welchen die Leidenschaft anstrebt, sich als ein Begriff darstellt, und daher entfernt ist, der Gegenstand eines bestimmten Triebes zu sein. Der Wollüstling, welcher einem bestimmten Gegenstände nachstrebt, wird gewöhnlich noch Musse genug behalten, noch andere Dinge zu treiben und sich noch anderen Genüssen hingeben; der Ehrgeizige wird blos seinem Ehrgeize leben, und was dieser Leidenschaft nicht dient, für schal und seines Strebens unwürdig halten.