Ein trüber Morgen dämmerte nach einer leidenvollen Nacht durch die kleinen Fenster des Gefängnisses. Edeltraut lag, das Haupt auf den rechten Arm stützend, in einer Ecke. Ihr sonst so sonnenhelles Auge schien wie mit einem Nebel umzogen und sah glanzlos auf den Estrich nieder. Die langen, goldenen Haare waren dem Schermesser des Schergen zum Opfer gefallen; denn »an den Haaren hängt des Teufels Macht über den Menschen«, so behauptete jener souveräne Blödsinn, den man hohe Weisheit nannte. Zuweilen leuchtete noch der alte, stolze, edle Blick aus den beiden Vergißmeinnichtaugen; aber es war nur mehr das Aufflackern einer sterbenden Kraft, es war das Ringen eines untergehenden Lebens mit dem aufsteigenden Tode, es war wie das hoffnungsleere letzte Aufleuchten des erlöschenden Lichtes.

— — — »Was ist aus dir geworden, arme Edeltraut?« flüsterte das Mädchen in leisem Selbstgespräche. »Was ist aus dir geworden? — — — Ich weiß es nicht. — — — Mir glüht das Hirn, indes mein junges Herz zu Eis erstarrt. — — — Wo bin ich nur? — — — O wie es öde und kalt und schaurig hier in diesen Räumen ist! — — — Vater, lieber Vater!« rief sie schmerzlich und breitete die Hände bittend aus.

»Edeltraut,« entgegnete die blinde Elsa sanft, »rufe auf zum Vater, der im Himmel ist!«

»'s ist Elsas Stimme!« frohlockte Edeltraut. »Wo bist du, liebe Blume? — — — Komm, komm zu mir und küsse meine Lippen; vielleicht bringt es Ruhe in meine arme Seele, wenn eines Engels Hauch mich liebevoll umweht! — — — 's ist gut! Hab' tausend Dank! — — — Sag', liebe Elsa, wie kommt es doch, daß ich noch lebe? Glaubte ich doch, ich sei gestern gestorben, als sie mir im Gerichtssaale — — —«

Sie sprang von ihrem Lager auf und starren Auges sah sie nach der Decke.

— — — »Und du dort im Himmel droben hast es zugelassen, daß die Henker mich mit einer Grausamkeit quälten, daß kein Wort zum Dolmetsch des Schmerzes werden kann. Meinen jungen Leib haben mir die Schergen zerrissen, und alle Pein kam über meine Glieder. Allein darüber wollte ich nicht klagen; denn wer Wölfen und Hyänen in den Rachen fällt, kann nur Schmerz und Blut und Tod erwarten. Aber daß sie mir auch mit frevelhafter Hand in das Heiligtum der Seele gegriffen und eine Flut von Schmach und Schande über mich ausgegossen haben, daß sie auch an meiner Reinheit und Ehre zu Henkern wurden: das klage ich mit gebrochenem Herzen dir, o Gott! Hast du die Blumen nur darum so rein und zart geschaffen, hast du sie nur darum gelehrt, ihren Kelch selbst dem Silberauge des Mondes zu verschließen, damit dann eine rohe Hand den Blütenstaub von ihren Blättern streift und Gift und Tod in ihren Kelch versenkt?«

»O klage nicht!« bat Elsa.

»Und warum nicht?« fuhr stolz das Mädchen auf. »Nimm einem Menschen alles, was er hat und liebt, nimm ihm sein Glück, den Frieden, ja selbst den Himmel: das Recht der Klage kannst und darfst du ihm nicht nehmen. Es ist der letzte, wenn auch arme Trost, welcher jedem Leide bleiben muß. Und diesen letzten Trost will ich in vollen Zügen genießen — es ist der letzte Lichtstrahl vor dem gewissen Tode!«

Edeltraut war wieder in sich zusammengebrochen; seelenlos blickte das Auge aus den rotgeweinten Höhlen, und schlaff hingen die Arme an dem zitternden Körper herab.