»Elsa, du bist so stille,« flüsterte das Mädchen. »Ahnst du die Ruhe des Grabes?«
»Und mehr noch die Wonne des Himmels,« ergänzte lächelnd die Blinde.
»Die Wonne des Himmels!« wiederholte Edeltraut und schüttelte nachdenklich das Haupt. »Qualen, gräßliche Qualen hat meine Seele verkostet, und meinen Leib haben sie gemartert, sie, die Menschen ohne Herz und Ehre und Erbarmen — aber Wonne des Himmels? Ich verstehe das nicht! — — Gut Elschen, arme, süße Blume, was sagst du von Himmelslust?«
»Dein Geist ist wirr und deine Seele müde, liebe Edeltraut,« sprach Elsa. »Darum laß dir von dem Frieden sagen, den wir im Jenseits finden. Dir mag die Erde noch vor kurzer Zeit ein Garten voll Blumenpracht gewesen sein; mir war sie stets ein düsteres Grab. Die Anker, welche der Mensch aus seinem Herzensmeere auf der Erde sandigen Boden senkt — sie halten niemals stand in Sturm und Leiden. Hin über alle Sterne, teure Freundin, muß die Hoffnung schauen. Gott muß unser Kompaß und Anker und Segel sein, das Ziel unserer Sehnsucht und unseres Lebens, unserer Leiden Unterpfand, die goldene Abendröte nach dem wetterschweren Tage. Sieh, teure Schwester, wenn die Stunde gekommen ist, in der wir durch Tod und Grab zum Leben eingehen, in unseren Händen nichts als arg geknicktes Hoffen tragend, das sich in herbem Leide zur Dornenkrone flocht; wenn wir alle die Tränen vor unseres Herrgotts Füßen ausschütten, die wir geweint; wenn wir unser Herz zeigen, das der Schmerz wund gerissen, und, ohne unsere Lippen an dem sündigen Kelche der Erdenfreude je genetzt zu haben, bettelarm an irdischer Lust vor unseren Richter treten; noch mehr, wenn alles Leid, das die Tage unseres Lebens ausgefüllt hat, wenn die Träne und der Seufzer und jede welk gewordene Hoffnung zum stillen Opfer werden, das der Mensch aus seinem Leben in das Jenseits trägt: dann breitet Gott die Arme seiner Liebe zum Willkommen und teilt die angemessene Herrlichkeit, die er in sich genießt, mit einer solchen treuen Seele.«
»Einst hätte ich wohl erfaßt, was mir dein Wort schmeichelnd in das Herz zu reden weiß. Das war in jenen Tagen, da das Leid gleich flüchtigen Wolken über meinem Himmel zog, und noch nicht Schmach und Schande und Entehrung meine reine Seele drückten. Seit sie den Frieden und des Herzens Frühling mir gestohlen haben, ist auch mein Geist gebrochen, und die Schwingen meiner Seele sind erlahmt. Ist's doch, als läge düstere Nacht über meinem Geiste und erstarrte der Gedanke in meinem Gehirne. Es ist, als stünde alles Leben in mir stille, ich weiß, daß ich nicht zu den Toten zähle, und fühle doch mein Leben schon erstorben. O Elsa — Elsa, wenn zu allem Elend, das ich stöhnend trage, auch noch des Wahnsinns Schrecken kämen! Und sie werden kommen, ja, sie müssen kommen; warum soll die stolze Edeltraut nicht auch dieses Leid noch kosten? Vielleicht liegt ein süßes Erbarmen in der Nacht, die meinen Geist umschatten wird, vielleicht sind jene Bilder, die des Wahnsinns Griffel zeichnet, nicht so häßlich, nicht so schrecklich, als was ich zu tragen kaum mit letzter Kraft vermag!«
»Sei dir nicht selbst zur Qual, du müde Taube,« tröstete Elsa. »Frage nicht, was kommen wird. Sage du dir nur, Gott ist's, der Licht und Nacht verteilt, der Kraft dem Schwachen gibt und Mut dem Sinkenden. Wohlan, sei groß und stark, wie du in schöneren Tagen es gewesen bist. Sei du das Opfer mit ganzer Seele, zu dem dich Gott erkoren. Demut stärkt den Geist und schirmt ihn gegen Untergang.«
»Du bist mir unfaßbar, du hohe Seele! Wo andere von Schmerz und Leid verwirrt sich selbst verlieren, da wachsest du an innerer Pracht. Dich stärkt das, was andere schwächt, dich hebt zum Himmel, was andere tief zu Boden drückt.«
»Das tut der Glaube, der hoch über allem Erdenleide steht,« antwortete demütig Elsa.
Tritte vom Gange her unterbrachen das Gespräch der beiden Mädchen. Die Kerkertüre knarrte träge in ihren schweren Angeln, und der Oberschultheiß trat ein. Sein Wesen war heute sanft und geschmeidig, seine Stimme bewegte sich im Gegensatze zu der sonst gewohnten Härte in den weichsten Tönen, und sein Antlitz, dem nur Rad und Galgen und ein erbarmungslos geschriebenes Todesurteil Farbe und Leben geben konnten, war in Traurigkeit und tiefes Mitleid gehüllt.