»Ich will jetzt nicht Richter sein,« erwiderte etwas ungeduldig der Oberschultheiß. »Ich will euch zeigen, daß auch in mir ein fühlendes Herz schlägt.«
»Gemeine Seele!« rief Edeltraut. »Du, Alter, willst uns lügen, du hättest ein fühlendes Herz? Geh', geh' und suche einen Winkel Erde, wo dich die Schande nicht erreichen kann und wohin der Fluch nicht dringt, der sich an deine Ferse heftet. Du und ein fühlendes Herz? Hörst du die Teufel in der Hölle lachen ob deiner Heuchelei? Ja, hättest du ein Herz in deiner Brust, du hättest nicht mit kalter Stirne unsere Scham und Ehre an den Henker ausgeliefert! Hast du noch einen Tropfen Blut in deinen Adern, der nicht so schlecht geworden ist wie du, so bitte ihn, er möge dir als Schamröte in die Wangen steigen. Doch du hast keinen mehr, du bist durch und durch ein feiler Wicht, der nur als Freund noch schlechter ist denn als Richter.«
»Jungfrau, Ihr vergesset, daß, was ich als Richter tat, im Namen des Gesetzes geschah!«
»Im Namen des Gesetzes? Herr, dieses Wort deckt Euere Schande nicht. Was Ihr Gesetz und Recht nennt, ist zu oft nur rohe Macht, welcher die Gemeinheit zum Gevatter stand. Nennt nicht Gesetz, was allem Rechte Hohn spricht und was dem ewigen Gesetze, das jeder Mensch in seinem Herzen trägt, schroff gegenübersteht wie dunkle Nacht dem sonnenklaren Tage.«
»Ihr, Edeltraut, seid tief verbittert, und Euer Wort kennt keine Schranke. Ich will an Euch, Elsa, meine Rede richten; Euer Geist ist nicht so stürmisch und Euer Wort behutsam und versöhnlich. Es liegt in meiner Macht, für Euch ein gutes Wort zu sprechen und Euerem Lose manchen Trost zu bieten, wenn Ihr dazu Euch verstehen wollt, mir die Namen derjenigen zu nennen, die mit Euch am Kreidenberge waren.«
Der Alte sah mit seinen kleinen, stechenden Augen nach dem blinden Mädchen hinüber, indes er die Lippen erwartungsvoll zusammenpreßte.
»Wenn Euch nichts anderes zu uns geführt hat,« antwortete Elsa, »als diese Frage, so mögt Ihr immerhin wieder nach Hause gehen. Wer selbst jeglicher Schuld bar und ledig ist, kann nicht von Schuldgenossen reden.«
Ein zorniger Blitz wetterleuchtete über des Oberschultheißen Antlitz.
»So nehmt doch Vernunft an,« drängte er. »All Euer Leugnen nützt Euch nichts!«
»Ich würde sagen,« fiel Edeltraut darein, »Ihr solltet Ehre annehmen, wenn es Euch möglich wäre. Doch an solchem Stoffe klebt nur der Schmutz sich an. Ich will Euch Rede und Antwort stehen. Ihr heuchelt Mitleid gegen uns, da Ihr uns doch im Grunde Euerer Seele hasset. Wißt Ihr, was Euch in diesen Kerker geführt hat? Die Habsucht ist es, ganz gemeine Habsucht! Ihr hoffet, unser Geist sei so gebrochen, daß wir zu blinden Werkzeugen Euerer Hände würden und an den letzten Strohhalm uns anklammernd in fremdem Elend unsere Rettung suchten? Nein, selbst Euere Nähe, Herr, macht uns nicht schlecht, obwohl der Raum, den Euer Atem berührt, vergiftet ist. Ihr bezieht von jeder Hexe sieben Gulden Schergenlohn; um dieses Geldes willen seid Ihr gerne bereit, das Kind im Mutterleib zu schlachten und Stadt und Land zur Wüstenei zu machen. Sieben Gulden! Ein schönes Sümmchen jedenfalls für den, der nur nach Stücken rechnet und der nicht Ehre und Gewissen kennt. Ei, wenn wir hundert Namen Euch der Reihe nach anführten, wie sie der Zufall uns erfassen ließe, Ihr dächtet auch nicht einen Augenblick darüber nach, ob Ihr Lüge oder Wahrheit gehört habt, Ihr dächtet einzig nur daran, daß siebenmal hundert ein herrlich Sümmchen sei. Ja, Herr, so ist's; und daß es dahin kommen konnte, daß um des Geldes willen Scheiterhaufen rauchen, ist eine Schmach, so reich an Ekel, daß jene Stunde wahrhaftig zu segnen ist, die uns von solchen Richtern befreit. Doch, wenn Ihr in der Tat uns einen Dienst erzeigen wollt, so geht von dannen. Nie schien mir dieser Kerker häßlicher, als da Ihr, Oberschultheiß, in seiner Mitte standet.«