Der Kerkermeister blieb stehen und hielt sich an der Wand des engen Ganges fest.

»Verbrennen?« stammelte er. »Herr, ich habe Euch wohl falsch verbanden, oder Ihr habt Euch nur versprochen?«

»So, und warum? Man verbrennt das Lumpenpack und erweist damit der ganzen Stadt den besten Dienst.«

»Herr, solche harte Rede ertragen meine alten Ohren nicht. Wie mögt Ihr die Kinder unserer besten Bürger Lumpenpack benennen? Vielleicht um des Verdachtes willen, der auf ihnen ruht? Und wenn es nur Verdacht wäre! Herr, es ist Verleumdung, die diesen Kleinen angelogen wurde, es ist Lüge, die sich an die armen Kinder wagte. Glaubt meinen grauen Haaren: die Kinder, die Ihr als Hexen in dem Kerker haltet und für den Scheiterhaufen aufspart, haben ihren Schutzengel noch nicht verloren. Noch hat er nicht trauernd sein Angesicht von ihnen abgewendet, noch hat der Satan nicht des Engels Stelle eingenommen. Ist's nicht genug, daß Laster, Frevel, dummer Wahn an unserem Glücke fressen, daß die Stadt mit Greueln sich erfüllt, ist's nicht genug, daß wir Erwachsene stets mehr und mehr dem tiefsten Elende verfallen, müssen nun auch die Kleinen ermordet und die letzten Engel aus unserer Mitte vertrieben werden? Hier, Herr, hier sind wir an der Stelle, wo die armen Kinder schmachten; geht nur hinein zu ihnen und schauet Euch ihr Elend an. Seht ihnen in die klaren Augen und fragt Euch selbst, ob Teufelslist aus ihnen schaut. Hört ihre Bitten, ihre herzzerreißenden Klagen, zählt all die bitteren Tränen, die sie weinen, und bleibt hart, wenn Ihr's vermögt; verbrennt des armen Würzburg letzte Unschuld; dann aber schüttelt den Staub von Eueren Füßen und meidet Euer Leben lang die Stätte, auf welcher der Fluch Gottes in seiner ganzen Schwere lastet.«


12. Kapitel: Das Elend und der Wahn wachsen

Der Oberschultheiß stand in Gedanken versunken inmitten seiner braungetäfelten Wohnstube. Nun, da er den Nimbus der Amtsherrlichkeit abgelegt und die strenge Miene mit einer mehr häuslich gestimmten vertauscht hatte, war der Ausdruck seines Gesichtes zwar weniger unangenehm als sonst, wenn er seines Amtes waltete und ganz in demselben aufzugehen schien; allein dennoch grinste immer noch ein lauernder Dämon aus seinen Augen. Von Zeit zu Zeit trat er an einen schwerfälligen Schreibtisch, von dem er immer wieder dasselbe Blatt Papier nahm, um es stets mit demselben tiefsinnenden Blicke zu betrachten.

»Sie wollten lange nicht plaudern,« sprach er halblaut vor sich hin, »endlich habe ich doch einigen von den Kindern die Zunge gelöst. Im Grunde ist das, was sie mir zitternd erzählten, nichts, gar nichts, kindliche Einfalt, gejagt von wirren Phantasien, harmloses Geplauder über Geister und Gespenster, vermischt mit Namen, ohne böse Absicht genannt, aber doch in dem großen Gewebe wertvolle Fäden. Es ist mir so eigentümlich zumute; ich möchte fast ärgerlich werden über — ja über was denn? Über mich selbst? Oder über die Hexenprozesse? Oder über der Kinder in blasser Furcht gestammeltes Geplauder? Ei was, dumme Grillen! Ich bleibe bei dem, was ich mir als Pflicht gesetzt habe, mögen andere darüber denken wie immer. Und die Skrupel? Nun, die verachtet man als vorübergehende Schwächen des Geistes, denen man kein Gehör schenken darf, ohne seiner richterlichen Ehre und Unabhängigkeit zu schaden. Es gilt nun, aus dem Gerede der Kinder etwas zu machen; allerdings keine zu leichte Aufgabe, sie erfordert immerhin einen so scharfen Kopf, wie der meinige ist; aber man versteht das, aus nichts etwas Verdächtiges und aus etwas Verdächtigem eine vollendete Tatsache zu machen.«