»Es war mir doch zuletzt recht unheimlich unter den Kindern. Wie sie zitterten und weinten und mit aufgehobenen Händen baten, ich möchte sie ihren Eltern wiedergeben, sie seien gewiß unschuldig. Ich wollte es ihnen auch gerne glauben, wenn ich nicht der Oberschultheiß wäre. Hm, sie sahen wirklich zum Erbarmen aus; das Elend hat ihnen die Wangen gebleicht und eingebrochen, und ihre Augen sind vor Weinen wie tot. Aber was ist da zu machen? Warum sind sie Hexlein? Ob sie's wirklich sind? Ja!«

Er ging einigemal in der Stube mit schnellen Schritten auf und ab; dann blieb er wieder stehen und stützte das Kinn auf die rechte Hand.

»Wir verklagen dich beim Pater Spee, haben mir die Kinder zugerufen, als ich ihnen sagte, ich könne sie nicht freilassen. Dieses Wort hat mich tief geärgert. So muß mir dieser Jesuit überall in den Weg treten, sogar aus Kindesmunde wird er mir zur Drohung. Ob er mir wirklich gefährlich werden könnte? Sein Anhang wächst, wächst unter dem Volke wie bei den Großen. Wie lange noch, und er und seine Ideen sind stärker als ich. Verflucht,« rief er und stampfte den Boden, »wenn mir der junge Naseweis über den Kopf wachsen sollte! Und behält er recht, und verliert das Volk den Glauben ans Hexentum und die dummblöde Furcht vor demselben, fängt es an, an der Gerechtigkeit unserer Urteile zu zweifeln, und beginnen die Lücken, die wir in so viele Familien gebrannt haben, zu schmerzen, und tritt zum Schmerz der Zorn und die Rache, entfesselt sich des Volkes wilder Sinn gegen uns, und werden wir, zu denen es bisher mit scheuer Ehrfurcht aufschaute, ihm als ungerechte Richter erscheinen, und flammt dann hoch des Pöbels Wut, wer schützt uns? Niemand. Hier gibt es nur eine Rettung; Spee muß fallen! Ist er auch Jesuit, so gefeit sind doch diese Herren nicht, daß man sie nicht verderben könnte. Wohlan, er oder ich. Nein, er, er allein!«

Der Eintritt seiner Ehefrau störte den Gestrengen aus seinem Gedankengange auf.

»Du scheinst ganz darauf zu vergessen, daß du heute in der Weinstube erwartet wirst,« sprach sie milden Tones. »Sei vernünftig, Alter, und gönne dir eine Erholung. Je länger diese leidigen Prozesse dauern, desto auffallender wird die Veränderung, die ich an dir wahrnehme.«

Der Oberschultheiß sah verwundert auf.

»Du staunst?« fuhr die geschwätzige Alte fort. »Ja, du siehst nicht, was ich sehe, und du hast auch nicht gehört, was ich hörte.«

»So, und was denn?« platzte der Ehegatte ungeduldig werdend heraus.

»'s war heute nacht,« versetzte jene, etwas befangen an ihrem Rocke die Falten streichend.