»Möcht' auch nicht mit ihm sterben,« flüsterte der eine Geselle.

»Schau nur, wie er einherschreitet, lauter Macht und Herrlichkeit! Wo der hintritt, wächst auch kein Gras mehr.«

»Pfui Teufel!« sprach der erste wieder und spuckte aus. »Die Luft stinkt nach Blut und Menschenfett, seit der zweibeinige Galgen an uns vorübergegangen ist. Komm mit mir auf einen Schoppen, Kilian; der Henker vertrage den Henker mit leerem Magen!« —

In der Weinstube herrschte bereits fröhliches Leben und Treiben, als der Gestrenge dort eintrat. Der Wirt, ein dicker Mann mit einer sehr bedenklichen Weinnase, empfing seinen Gast mit vielen Bücklingen, so tief, als es eben der stattliche Bauch erlaubte. Er öffnete die Türe eines langgestreckten Kneipgemaches, das, von dem Lärme der allgemeinen Schenkstube abseits liegend, den Herren als heimische Zufluchtsstätte diente, wenn sie Sorgen vertrinken oder einer zänkischen Ehehälfte entgehen wollten. Die niedere, getäfelte Decke hing schwer über dem Gemache, die breiten Fenster waren mit altem, rundem Glaswerke eingelassen, die Mitte des Gelasses nahm ein langer Eichentisch mit gespreizten Beinen ein, um welchen die hochlehnigen, gepolsterten Stühle standen. Die aufgepflanzten zinnernen Kannen, die stillvergnügten Mienen der alten Herren und der lebendige Redefluß der Jüngeren bewiesen, daß die Würzburger auch damals schon ganz prächtig den Wein zu schätzen und zu trinken verstanden. Schmeckt doch guter Wein dreimal wohl und kommt auf einen richtigen Trunk dieses flüssigen Goldes Leib und Seele wieder zusammen!

»Ehrerbietigen Gruß, Euer Gestrengen!« rief der Spittlmeister vom Dietericher Tor, ein gar gelehrter Mann mit einer allzeit frohen Lebensader, dem Eintretenden entgegen. »Laßt es Euch an meiner Seite belieben! Was wollt Ihr trinken? Frankenwein Krankenwein, Neckarwein Schleckerwein, Rheinwein fein Wein. Herrgott, am besten wäre es, es tränke einer alle drei!«

»Ei, ei, macht Euch der Wein schon wild?« neckte der Oberschultheiß mit kaltem Lächeln.

»I bewahre; wollte mir der Wein zu wild werden, ich schlüge ihn mit der Wasserstange. Übrigens drei Kannen für einen Mann, wie ich bin! Hei, seht nur mein Bauchfäßlein an und sagt, ob nicht Wein genug Platz hat.«

»Und der Kopf?« fragte der Gestrenge, mit voller Würde an seiner Kanne nippend.

»Der Kopf? sagt Ihr. Seht, der arme Schädel sitzt den ganzen Tag über den Büchern und brütet Weisheit, daß es ganz erstaunlich ist. Will es aber Abend werden, so geht mir richtig immer das Öl in der Hirnlampe aus, und gösse ich nicht Wein auf, weiß Gott, ich würde trotz all meiner Weisheit in einem Jahre wieder so dumm, als ich war, da mir meine selige Mutter zum dritten Geburtstage Schläge gab, weil ich ihre liebste Katze halbtot geschunden habe. Herr, der Wein ist an sich selber gut; trinkt ihn aber ein Mensch ziemlich und mit Maß, so schärft er den Verstand. So ist's! Komm, alter Junge,« rief er in seliger Weinlaune, »komm und sag' mir was ins Ohr!« Dabei setzte er die Kanne an den Mund, trank, stieß sie auf den Tisch und sprach: »Der Wein allein schon beweist, daß es einen Herrgott im Himmel geben muß.«