»Am Ende haltet Ihr mich auch für einen Hexenmeister,« spottete der Spielmeister. »Weiß Gott, man dürfte schier ein Hexenmeister sein, um in diesen Zeiten noch den frohen Sinn aus all dem Elende zu retten, das uns umgibt!«

»Hm,« knurrte der Gestrenge. »Heutzutage kann man von keinem Menschen wissen, wer und was er ist. Denkt an Edeltraut und Elsa; haben diese nicht für die tugendhaftesten Jungfrauen unserer Stadt gegolten und haben sich dennoch als ganz gefährliche Hexen entpuppt?«

Der Spittlmeister trommelte Sturm auf dem Tische mit seinen dicken Fingern. Auch die übrigen Gäste wandten ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Gespräche der beiden zu, um so mehr, als die Hexenbrände das ganze Interesse der Bewohner Würzburgs in Anspruch nahmen.

Am Ende der Tafel saß ein großer, feister Mann. Das rötliche, kurzgeschnittene Haupthaar war schon stark mit Grau untermischt; unter der gebogenen Nase hing, den Mund verdeckend, ein gewaltiger Schnurrbart, den der Alte beständig zwischen den Fingern drehte. Eine schlecht verharschte Narbe zog sich vom rechten Ohre über den Backen nach dem Mundwinkel, die von starken Brauen beschatteten, katzenartigen Augen waren von einer durchbohrenden Kraft. Der heruntergekommene Anzug ließ den ehemaligen Feldhauptmann erraten, einen Menschen, halb Soldat, halb Bramarbas, in Summa aber ein kecker Geselle.

»Alle Wetter,« schrie er mit seiner schnarrenden Baßstimme, »Herr Oberschultheiß, ich habe so etwas gehört, als wollte Euch ein Pfäfflein von den Jesuitern in Euerem Handwerk unbequem werden. Hm, nette Leute das, die Jesuiter! Was? Will Euch was sagen. Der Gescheiteste von euch zweien ist der dritte, das bin ich. Der eine glaubt zuviel an unsern Herrgott, der andere zuviel an den Teufel. Ist beides Unsinn. Ich glaube an mich und für den Augenblick an meine Kanne Wein; ist diese leer getrunken, glaube ich auch nicht mehr an sie, bis sie der Wirt wieder gefüllt hat. Das ist Lebensweisheit, und alles andere ist Narretei. Aber begierig wäre ich doch, wer von euch den andern unterkriegt, Ihr den Spee oder der Spee Euch. Ist wahrlich schade, daß ihr um des Kaisers Bart streitet, und Ihr, Gestrenger, Euere Schrift mit Blut schreibt und mit Menschenasche bestreut; Ihr solltet eigentlich das Ding mit dem Schwerte ausmachen, gäb' ein herrlich Schauen, euch im Kampfe zu sehen.«

Des alten Haudegen plumpe Rede fiel wie ein grober Steinhaufen unter die Gäste. Niemand antwortete. Da räusperte sich gar behutsam eine spindeldürre, hektische Gestalt, ein Aktuarius in Ehren und in Nöten, und sprach:

»Ich möchte für den Augenblick ganz davon absehen, wer in besagter Hexenfrage recht behält. Wollte ich nach den Grundsätzen wahrer Aufklärung urteilen, so müßte ich sagen, der Jesuit hat recht; allein ich halte dafür, daß ein Jesuit auch dann, wenn er das Rechte will, es nie aus guter Absicht will, und daß man allzeit am besten tut, nein zu sagen, sooft ein Jesuit ja sagt. O,« rief er und legte gar gelehrt den Zeigefinger an die Nase, »o, ich sage, man sollte lieber die Hexen sein lassen und auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten. Haben wir sie gebraucht und gerufen? Nein! Wir haben genug an den anderen Mönchen in unserer Stadt. Und was nützen sie? Kaum hatten sie sich ihr Nest warm gerichtet, waren sie auch schon die Herren von ganz Würzburg. Ich rede gar nicht davon, daß sie das Frauenvolk ganz in ihrer Gewalt haben, aber denken die Herren an unsere Studenten, welch verschrobene, andächtige Köpfe aus ihnen gebildet werden! Und die Wissenschaft? Es ist geradezu zum Lachen, was die frommen Jesuiter unter Wissenschaft verstehen, und wieviel sie davon gnädigst zu naschen gestatten. Sie sind wahre Schergen aller freien Forschung. Mit ihrem thomistischen Distinguo, nego, concedo ersticken sie den letzten Funken selbständigen Denkens. Freilich brauchen sie für ihre Zwecke keine Denker, sondern willenlose Maschinen, und daß sie diese sich aus unserer Jugend heranziehen, ist ebenso wahr als traurig. Darum meine ich, man sollte vor allem auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten, ehe man sich mit untergeordneten Fragen befaßt.«

Der junge Mann ließ seinen Blick triumphierend über die Versammelten schweifen, gleich als wollte er mit voller Genugtuung den Eindruck seiner Rede in einem in sich aufnehmen.

»Herr Aktuarius,« platzte da der Spittlmeister vom Dietericher Tore heraus, »was schwatzt Ihr da für Unsinn! Hätte gemeint, wer als Student Jesuitersuppe gegessen hat, sollte nicht in die Schüssel speien, aus der er sein Futter geholt hat. Wenn die Jesuiter just aus Euch keinen hellen Kopf gemacht haben, so bedankt Euch dafür nur bei Euch selbst. So. Und was Ihr von Vertreibung der Jesuiter meint, das ist, mit Vergunst, barer Blödsinn. Ihr, Herr, solltet Euch mit vernünftigerem Denken befassen und nicht daherschwatzen, als sei Euch ein Rad im Hirnkasten gebrochen.«

»Haut ihn nur gleich in die Pfanne,« rief der Feldhauptmann. »Was ist's, wenn der Aktuarius die schwarzen Raben nicht mag? Mag sie auch nicht leiden, und wäre es mir just ganz lieb und angenehm, so sie aus Stadt und Land davonflögen.«