»Wenigstens einzelne,« ergänzte der Oberschultheiß. »Wenn so zum Beispiele der Pater Spee auf die eine oder andere Weise veranlaßt werden könnte, unsere Stadt zu verlassen, und zwar recht bald, so wäre das ein gar großer Gewinn für uns.«
»Das sehe ich nicht ein,« stritt der Spittlmeister entgegen. »Der Spee ist gerade ein rechter Segen für unsere Stadt. Alle Achtung vor den andern Priestern, aber nennt mir einen, der mit solch rastloser Aufopferung sich der Armen und Kranken annimmt, der so eifrig im Beichtstuhle und auf der Kanzel ist wie unser Spee? Der Mann ist aus reiner Gottesliebe zusammengesetzt, und ich kann gar nicht begreifen, warum gerade der Spee aus Würzburg fort sollte. Oder ist er Euch, Gestrenger, vielleicht unbequem, weil er nicht so dick an Hexen glaubt als Ihr? Ja, ja, in dem Punkte mag er Euch ein wenig im Lichte stehen; ist aber wahrlich kein geringes Verdienst von dem jungen Priester, der Wahrheit auch dann Zeugnis zu geben, wenn man allein gegen viele steht. Übrigens halte auch ich es in der Hexensache mit dem Spee. Ich weiß nicht, hat der edle Mann mehr Verstand oder mehr Liebe, aber Weisheit und Wahrheit ist es, was er gegen das Hexenwüten sagt. Ja, gestrenger Herr, wenn der Spee nicht wäre, Ihr brenntet uns zuletzt noch Stadt und Land aus.«
Der Oberschultheiß schoß Blitze auf den Sprechenden.
»Hätte nimmer geglaubt,« höhnte er, »daß ein reifer Mann so Ungereimtes reden kann. Es mag Euch um des genossenen Weines willen nicht zu hoch angerechnet sein, was Ihr gesprochen. Doch warne ich Euch in Freundschaft vor dem Pater Spee und vor dessen Verteidigung.«
Das war dem Spittlmeister nun zu viel. Voll Zornes fuhr er von seinem Platze auf und maß den Gestrengen mit stolzem Auge.
»Ihr, Herr, vergesset, wer ich bin, und daß Ihr gar kein Recht besitzt, hier guten Rat auszuteilen. Behaltet den für Euch, sonst müßte ich Euch zum Danke auch einen Rat erteilen, der Euch aber weniger zur Ehre gereichte als mir der Euere. Ich habe Euch wohl durchschaut; glaubt mir, was Ihr vermögt, vermag ein anderer auch noch. Und da Ihr Euch einen besonderen Zorn und Grimm auf Pater Spee einbildet, so wisset, daß mit nächstem Morgengrauen mein Weg mich zu dem Jesuiter führt, um ihn zu warnen, und dann zum Fürstbischofe, um auch mit ihm ein ehrliches Wort zu reden.«
Ohne Abschiedsgruß schied der brave Mann aus der Schenkstube. Fest, wie sein Sinn, war auch sein Schritt, und so hochauf auch seine Seele flammte, in seinem Wesen blieb er ruhig und gemessen.
»Wollt Ihr mich begleiten, Herr Aktuarius?« fragte der Oberschultheiß, seinen Mantel umhängend.
»Es soll mir hohe Ehre sein,« antwortete dieser und öffnete dem Gestrengen die Türe.
Und draußen sann über der vieltürmigen Stadt des Himmels nächtige Sternenpracht, wie eine Mutter an der Wiege eines schlummernden Kindes sinnen und Liebesträume denken mag. All die ungezählten flimmernden Lichtäuglein waren wie Gottesgrüße, die zur Erde niederschauten, ein so unendliches Sursum corda für reine Herzen! Zwischen den Türmen des Domes brannte in mildem Silberfeuer des Mondes Sichel, ein Wächter überm Heiligtume, ein Lichtkuß vom Himmel auf die Wohnung des eucharistischen Gottes.