»Nun ist's genug!« brüllte der Gehöhnte und schlug den Spötter mit kräftigem Arme über die Bank hinunter.
Der zerbrochene Paulus erhob sich mühsam vom Boden. Das rechte Auge war blutunterlaufen und stierte wie tot aus der verschwollenen Höhlung. Das linke aber warf einen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem Gegner. Eine Weile standen sich beide gegenüber, sich zornig messend, dann drückte der zerbrochene Paulus seinen Hut fester auf den Kopf und hinkte hastig aus dem Hause.
2. Kapitel: In stiller Zelle
Es war ein frischer Sonntagsmorgen. Vom wolkenlosen Himmel flutete weiches, mildes Sonnenlicht herab auf die herrliche Frankenstadt am Main und vergoldete all die Zacken und Zinnen, die Türme und Türmlein mit goldenem Glanze. Und wie das Lichtmeer den feingegliederten Turm der herrlichen Marienkapelle umfloß und dann die alten gemalten Fenster mit den frommen Schildereien durchglühte, daß die Farben wie Smaragde und Rubinen brannten! Und dort der Dom in seiner stillen Majestät, ein zu Stein gewordenes Gebet voll heiliger Gedanken!
Ein herrliches, farbenprächtiges Bild! Die langgedehnte Domstraße mit ihren alten stolzen Häusern, dran gar trauliche Erker, aus deren Fenstern frische Rosen auf all das frohe Leben niedergrüßen, das da unten wogt. Um so finsterer schaut das Rathaus: wuchtig, ohne Schmuck und ohne Zier, hart und kalt wie ein Richterspruch auf Rad und Tod. Man sieht's ihm an, nicht froher Bürgermut hat dieses Haus gebaut und seinen Reichtum dem Steinmetz und Künstler anvertraut; mürrisch, wie ein lebensmüder Alter, lehnt es sich an den Grafeneckartsturm, nur hie und da zeigt ein zartgewundenes Säulchen, daß auch Kunst im Rathaus gerne eingezogen wäre, wenn nicht die kecke Bürgerschaft Zeit und Geld zu Meutereien gegen ihre Bischöfe verbraucht hätte. Dort ist der grüne Baum angemalt — ein lustig Wahrzeichen, das dem jungen Volk vom Kilanstanze und Adauktusjubel frohe Märe flüstert.
Und nun zur Brücke! Da unten der milde, mächtige Main, belebt von Hunderten von Schiffen mit schwerer Fracht und leichtem Volke. Und rings die Ufer! Hier noch finsteres Mauerwerk, sich keck und trotzig an die kühle Wasserstraße drängend, dort weiter hinaus der Reben grüne Flut, von sanften Hügeln nach dem Strome fließend und mit ihm kosend wie ein eitel Kind mit seinem goldenen Spiegel. Und drüber schmucke Dörfer, Burgen und Kapellen.
Doch wieder zurück zur Stadt. Am Brückenkopfe steht ein altes, niederes Haus. Aus dem halbgeöffneten Fenster grinst ein häßliches altes Weib. 's ist wahrlich schade um den Sonnenschein, der auf diesem starren Menschenantlitz zittert!