Rechts hinein in enge Gassen, wo das Leben ruhiger ist und die Schatten länger sind. Hei, welche Mauern, tot und kalt wie Grabeswände! Und wie die Menschen hier so nüchtern schauen und so schlicht gewandet sind, nicht Gold und Sammet und strahlendes Geschmeide.
Dort um die Ecke steht ein mächtiger Bau in hochgereckten, langgestreckten Massen. 's ist eigener Glast, der aus diesen Fenstern strahlt; 's ist eigene Luft, die um diese Mauern streicht. Alles still! Doch nein, dort singen frische Knabenstimmen:
O Jesu! ego amo te, Non quia tu amasti me....
Ein Kloster!
Ja, gottlob ein Kloster! 's ist wie ein frommes Feldkreuz, das zum Beten mahnt, wenn mitten in der Städte hastendem Gewirre ein Kloster aufsteigt, dem Monde gleich über giftigen Nebeln, den Sternen gleich über Erdennacht.
Am Ende eines langen, kühlen Korridors ist eine Türe und an ihr ein Schild mit der einfachen Aufschrift: P. Fridericus de Spee S. J.
Treten wir ein.
Die Zelle ist geräumig, weiß getüncht und mit einem ganz einfachen Hausrate versehen. Nichts, wohin unser Auge schaut, was auch nur eine Linie über den notwendigsten Bedarf des Lebens hinausginge, nichts, was der Annehmlichkeit oder dem Überflusse diente. Durch das geöffnete Fenster zieht die Frühlingssonne ihre goldenen Fäden über das Bild klösterlicher Armut und küßt mit glücklichen Lippen dieses Heim des Friedens. An einem Tische, auf dem sich ein großes Kruzifix und einige Bücher befinden, sitzt ein Priester, angetan mit dem Kleide der Jesuiten. Sein Antlitz zeigt neben unendlicher Milde einen unverkennbaren Zug tiefen Seelenleidens. Der kurze Bart sowie das Haupthaar sind fast ganz gebleicht, ein rätselhafter Gegensatz zu dem frischen, blühenden Aussehen des Paters und dessen hochaufgerichteter Gestalt.
An seiner Seite sehen wir einen andern jungen Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren mit einem schön geschnittenen Angesichte, aus dem eine große Seele leuchtet. Das sanftglühende Auge schaut mit liebender Begeisterung auf den Pater, im jungen Manne paart sich edles Blut mit edlem Geiste. Es ist der Kanonikus Johann Philipp von Schönborn, der sich als nachmaliger Bischof von Würzburg und späterer Kurfürst von Mainz ein goldenes Blatt in der Geschichte als Wohltäter der Menschheit und wahrer Aufklärer erworben hat. Von ihm sagt eine alte Inschrift: »Er streute das lautere göttliche Wort aus, und was in diesem Worte gesagt wird, das tut er selbst.«