Vom Dome her schlug die Glocke die achte Morgenstunde. Der Henker zog sich zurück, der Aktuarius begab sich an seinen Tisch, und alsbald trat der Gestrenge, begleitet von seinen Räten, in den Saal. Sein Blick begegnete fragend dem des Aktuars, der mit leichtem, bejahendem Kopfnicken antwortete.

»Die Delinquenten!« befahl der Oberschultheiß.

Nikodemus Hirsch, der Chorherr im neuen Münster, und Christophorus Barger, Vikarius an derselben Kirche, wurden den Richtern vorgeführt.

»Ihr Herren seid angeklagt,« begann der Gestrenge, »mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die alte Ammfrau Bernin hat, peinlich gefragt, über euch ausgesagt, ihr hättet nicht wenige Kinder getauft: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, ganz besonders im Namen des Teufels. Die armen Kinder seien dadurch der Macht und Gewalt des bösen Feindes anheimgefallen und somit das schändliche Übel der Zauberei und des Hexenunwesens gerade durch euch in besonderem Grade gefördert und gestärkt worden. Was sagt ihr nun zu solcher Anklage?«

»Daß sie falsch ist.«

»Ich habe diese Antwort erwartet,« entgegnete der Oberschultheiß mit Geringschätzung, »obwohl es Priestern besser anstünde, die Wahrheit zu sagen, als zu lügen. Freilich,« setzte er mit schneidendem Hohne bei, »wer mit dem Teufel in Geschäftsverbindung steht, pflegt sein Gewissen auf keine Goldwage zu legen.«

»Herr,« sprach der Chorherr mit einer vor Entrüstung bebenden Stimme, »was gibt Euch ein Recht, in solcher Weise mit Priestern zu sprechen? Ihr scheint zu verdammen, ehe Ihr gerichtet habt, Ihr sprechet mit voller Gewißheit von dem, was Ihr nicht wißt, noch wissen könnt. Fürwahr, die Flut der Schmach steigt hoch, wenn sie selbst das Priestertum in ihre schmutzigen Wellen hinabzieht, und mit der Schmach steigt auch das Elend, das erdrückend auf uns lastet. Mich decken graue Haare, und lange Zeit ist's her, daß mir der Bischof weihend seine Hände auf den Scheitel legte. Was er mir dort als heilige Pflicht auf meine Seele band, und was ich Gott mit vollem Herzen geschworen, habe ich durch vierzig volle Jahre treu gehalten. Ich bin nicht frei von Sünde, auch meine Seele glitt zuweilen einen Augenblick, denn der Gerechte selbst bleibt nicht frei von jedem Fehl; doch daß ich meinen Eid durch böse Tat verleugnet, daß ich die Treue, die ich Gott gelobt, dem Teufel zugewendet hätte, daß ich das hohe Amt, die pflichtenschwere Würde, die mir Gott gegeben, im Dienste des Satans führte, daß ich die armen Kleinen, die man zur Entsühnung von ererbter Schuld mir gebracht, daß ich der Taufe heiligen Quell auf sie ergösse und sie zu Kindern Gottes machte — statt meiner Pflicht zu walten, dem Teufel weihte: das, Herr, ist ein Wort, so unsagbar abscheulich, daß es nur in der Hölle tiefster Tiefe seine Heimat hat. Und wie für mich, so spreche ich auch mit gleichem Mute, weil mit gleichem Rechte, für die Unschuld meines Freundes, der hier vor euch als Angeklagter steht. Sein Leben liegt gleich einem offenen Buche vor meinen Augen, und was in seiner Seele sich an Sturm und Sonnenschein gefunden hat, wir lebten es gemeinsam: kein Geheimnis liegt fremd zwischen uns, ja selbst der Zweifel, der des einen Geist bewegte, ward in des andern Seele übertragen, daß er dort seine Lösung finde. Ich schwöre es für mich und ihn bei Gottes heiligem Namen und bei unserer Seelen Seligkeit, daß wir keinen Teil an dem Verbrechen haben, dessen man uns zeiht.«

»Und wenn ich Euch nicht glaube?« fragte der Oberschultheiß mit einer Stimme, in der auch nicht eine Spur von Gefühl lag.

»Wer kann Euch dazu zwingen, wenn nicht die Ehre und die Pflicht?« rief Barger mit jugendlichem Feuer. »Wir haben nichts, das wir Euerer Anklage entgegensetzen könnten, als unser Wort und unser reines Gewissen. Das Wort mögt Ihr verachten, dazu habt Ihr Gewalt und einen Schein von Recht. Doch wenn Ihr wagt, mit Euerer Henkershand auch des Gewissens Heiligtum anzutasten, dann wehe Euch! Den Leib mögt Ihr töten, Ihr tragt das Schwert; doch dem Gewissen sprecht nicht Hohn, Ihr schändet sonst den Staat, den Ihr vertretet, die Macht, die Euch verliehen ist!«