»Denkt an die Folter!« mahnte abgewandten Angesichts der Richter.
Der alte Chorherr ließ sein Auge auf den Marterwerkzeugen, die ihm zur Seite lagen, ruhen. »Die Folter,« sprach er, »ist menschlicher Verirrung ärgste Ausgeburt. Seit die Folter in das Buch der richterlichen Weisheit eingeschrieben ist, seit jener Zeit spricht man von Zauberern und Hexen, und jenes Marterwerkzeug, mit dem Ihr einen selbstgeschaffenen Feind besiegen zu können hofft, ist eben jenes Feindes Ursprung. Seid ehrlich, schafft die Folter ab, und Euer Hexenwahn zerfällt in nichts. Es ist ein tiefbeschämendes Schauen, wenn man die Menschheit nach so langem Ringen, ja wenn man die, die unterm Kreuzesschatten stehen, bei dem Wahnwitz einer Folterbank stillstehen sieht, als habe sie damit der Wahrheit und dem Rechte, der Menschenwürde und Gerechtigkeit den sichern Thron erbaut. Ihr Toren, die ihr glaubt, der Satan habe ungehinderte Gewalt über Gottes schönstes Werk, den Menschen; ihr Frevler ohne Glauben, die ihr meint, ein Teil der Menschheit stünde gegen den andern mit dem bösen Geist im Bunde; ihr, die ihr mit euerer Blindheit Gott vom Throne stoßet, ihm das Zepter seiner Macht entreißet und den Teufel damit schmücket; ihr, die ihr keine Ahnung davon habt, wie weit die Gottesmacht steht über Teufelsmacht; ihr, die ihr Hexen schafft, um sie zu töten — geht aus der Welt mit eueren Marterwerkzeugen, nehmt euer peinliches Gesetz und Recht mit euch, und holder Friede kehrt wieder und all der Wahn von Hexentum und Teufelsherrschaft bricht in sich zusammen. Wohlan, mögt ihr vor Gott am Jüngsten Tag so leicht bestehen ob euerer Richtermacht, die ihr jetzt übt, wie hier mein Freund und ich vor Gott bestehen werden vor dem Ewigen der Kinder wegen, die wir in Gottes Namen tauften, und an denen der Satan keinen Teil hat! Ja, wenn die Welt das wäre, was euer Wahnsinn aus ihr macht, wenn selbst der Priester das Sakrament der Entsündigung zum Teufelsdienst mißbrauchte, dann möchte ich selbst vom Himmel Feuer erbeten, daß es die Welt verzehre. Ihr Herren habt noch viel mehr Schiffbruch am Glauben gelitten, als die, welche ihr mit stolzem Sinn und kaltem Herzen auf euere Scheiterhaufen werft. Fangt wieder an, Gott zu erkennen und seiner Macht wie seiner Liebe unbegrenzte Allgewalt, verweist den Teufel dorthin, wohin sein Fluch ihn bindet, in die Hölle, glaubt wieder, was die Kirche lehrt, und nicht, was euch — verzeiht das Wort, es ist das einzig wahre — was euch die Dummheit in die Seele predigt.«
»Ihr seid verstockt; so mögt ihr mit der Folter euch abfinden!« sprach finster der Gestrenge.
»Nein,« entgegnete mit Würde der Chorherr, »nein, Ihr sollt nicht zu der Schmach, die schwer genug schon auf Euch lastet, auch die noch fügen, daß Ihr an den Gesalbten des Herrn Euch vergreift. Wir würden auf der Folter Euch dasselbe sagen, was Ihr als Schwur aus unserem Munde gehört, das Zeugnis unserer Unschuld. Glaubt Ihr dem Schwure des Priesters nicht, so fügt Euch selbst nicht jene Schmach zu, daß Ihr der Folter glaubtet. Könnt Ihr nach dem, was Ihr Gesetze nennt — die Nachwelt wird es als rohe Macht bezeichnen — uns nicht der Freiheit und der Ehre wiedergeben, so laßt uns heute noch sterben. Doch ladet nicht auf Euch den Fluch, die Hand an die Gesalbten Gottes gelegt zu haben. Laßt die Folter!«
»Ihr beharret also fest darauf, daß ihr ohne Schuld seid?«
»Ja!«
»Und seid bereit zu sterben?«
»Jeden Augenblick!«
»Auch ohne den gewohnten Gang des Rechtes?«