»Wo es kein Recht gibt, läßt sich leicht darauf verzichten, des Unrechts Stufengang an sich zu erproben.«
Der Gestrenge sah lange Zeit in tiefem Ernste vor sich nieder. Es lag wie Bitterkeit, wie tiefste Scham auf seinem Antlitze. Aber bald erstarrte jeder Zug zur alten Härte, das graue, stechende Auge blickte mit ungeschwächter, kalter Ruhe nach den Priestern, und ohne Beben sprach der Mund das Urteil.
»Macht euch mit euerem Gott fertig! Der nächste Morgen ist der Abend eueres Lebens.«
Einen Augenblick standen die beiden Priester wie gebannt; dann aber breiteten sie die Arme und umfingen sich.
Der Henker trat herzu, legte seine Hände auf ihre Schultern — sie waren ihm verfallen!
Nach einer kleinen Pause ward auch der Student, den man bereits zu wiederholten Malen dem peinlichen Verhöre unterzogen hatte, vorgerufen. Aus dem frischen, lebensvollen Jünglinge war ein wankender Greis geworden; durchlebt man doch im Kerker in einer Stunde Jahre! Wie immer, so blieb er auch jetzt auf dem Bekenntnisse seiner vollen Unschuld. Und als der Richter sagte, des Studenten außerordentliche Kenntnis vieler Sprachen und seine herrliche Musik seien der deutlichste Beweis seines Bündnisses mit dem Teufel, denn alles dieses sei auf unnatürliche Weise von ihm erworben, da hatte der Jüngling als Antwort nur ein wehmütig mitleidiges Lächeln.
»Laßt mich sterben,« sprach er — »laßt mich sterben gleich der Blume, die des Frühlings Pracht geahnt hat. Ob sie voll den Kelch erschlossen, ob die Sonne sie geküßt, ob der Mond ihr still gelächelt und die Sterne sie beschaut haben; oder ob sie knospend und ungekannt welkte, was liegt daran! Drüben in der wahren Heimat blüht sie neu zu schöner Pracht. Laßt mich sterben!« —
— Der Oberschultheiß stand im Vorzimmer des Fürstbischofs. Ein Heft Akten ruhte in seiner Hand, aber diese zitterte. Ein Zug tiefen Unbehagens strahlte aus seinen Augen. Ein Page saß in einer Ecke und spielte mit dem Lieblingshunde des Fürsten.
»Glaubst du wohl, daß ich noch lange warten muß?« fragte der Gestrenge den Knaben.
»Kann nicht dienen, Gnädiger,« antwortete dieser, ohne übrigens sein Spiel zu unterbrechen. »Euer Gestrengen täten überhaupt besser daran, heute nicht auf einer Audienz zu bestehen, wenn es nicht unbedingt sein muß.«