Herzzerreißend war der Kinder Jammer und Klage, als Spee auch bei ihnen eintrat. Es bedurfte langer Zeit, ehe ihn sein eigener Schmerz jene Worte der tröstenden Liebe sprechen ließ, von denen seine Lippen sonst so herrlich überflossen.
»Kinder, ihr kommt zu Gott!« das war der beste Trost, den der Priester den jungen Seelen geben konnte. Und endlich kam auch in die Kinderherzen stille Ergebung; wohl mag auch des Schmerzes lange ertragenes Übermaß die zarten Seelen ermüdet haben, so daß sie, wenn auch stille weinend, doch gottergeben zu des Priesters Füßen von ihrer Himmelsheimat sich süße Worte sagen ließen.
Edeltraut und Elsa hatten, ehe sie dem Tode verfielen, noch eine schmerzenschwere Viertelstunde zu bestehen. Beide Mädchen lagen betend auf den Knien, als deren Väter zu ihnen in den Kerker traten. Edeltraut warf sich mit dem ganzen Ungestüm ihrer hocherregten Seele in ihres zitternden Vaters Arme und schluchzte, als wollte ihr das Leid das arme Herz abstoßen.
»O Vater, Vater!« stöhnte sie, das Haupt an seine Brust bergend, »o bete, daß mich Gott an deinem Herzen sterben läßt. O diese eine — eine Gnade soll mir Gott erzeigen! Ich will ja gern mein junges Leben sterben lassen, und alles, was ich hoffte — liebte, mit mir zu Grabe tragen, aber lebend von den Flammen aufgefressen werden — an jedem Gliede tausend Todesqualen leidend — dieser Gedanke ist so unfaßbar gräßlich, daß mir das arme, von Leiden totgehetzte Herz im Leib erstarrt!«
»Ich kann dir, armes, teures Kind,« sprach mit tränenerstickter Stimme der alte Göbel, »keinen Trost geben als Gottes reiches Erbarmen. Es wird deine Leiden kürzen, Edeltraut, und deine reine Seele wird der weißen Taube gleich sich zu den Himmeln schwingen. Mein Kind, ich bin so eigen ruhig gestimmt. Ich weiß, daß du mir stirbst und mit dir meines Lebens höchste, letzte Freude welk zur Erde fällt, und dennoch klage ich nicht. Ich fühle es an meiner Herzensuhr; sie schlägt die letzten Viertelstunden; dann bricht auch dieses morsche Räderwerk in Stücke, und bald folge ich durch des Todes Pforte dir zu einem schöneren Leben.«
— Elsa hing lange Zeit an ihres Vaters Hals und tauschte mit ihm der scheidenden Liebe heißen Kuß. Dann aber entwand sie sich seiner Umarmung und kniete nieder. »Nun deinen Segen, teuerer Vater! Mit ihm will ich hinübergehen zu meinem Gotte. Ist doch der Elternsegen des Kindes herrlichster Geleitsbrief, wenn es vor Gott erscheint. Und nun noch meines ganzen großen, treuen Herzens vollen Dank für deine Vaterliebe. Sie war mein Licht, mein Trost und meine reinste Freude in der Nacht des Lebens. Du warst so innig gut mit deiner armen blinden Elsa, und was dein reiches Herz an Liebe an sich trug, war mein schönster Reichtum. Ich gehe zu Gott — ich sage es mit Seligkeit! — Ist auch die Pforte grauenvoll und begleitet tiefstes Weh den letzten Lebensschritt, so kennt doch meine Seele keine Furcht. Ich gehe zu Gott, und wenn ich dort den ersten Blick ins tiefe Meer der Gottesliebe schaue, dann, Vater, wird deine Elsa betend sprechen: »O guter, großer, lieber Gott, mir lebt auf Erden einsam trauernd ein treues Vaterherz. Tröste und segne es und gib ihm aus dem Schatze deiner Liebe reichen Lohn für all das Gute, das seine Hand an mir tat.« — Und also will ich beten, bis der Tag gekommen, an dem ich mit lautem Jubel drüben an der Schwelle des Himmels dich begrüßen kann. Dann, Vater, dann hat alles Leid ein Ende und jede Träne wird zur Seligkeit! Noch einen Kuß, ein Kreuz von deiner Hand auf meine Stirne, dann sage deinem Kinde gute Nacht — auf Wiedersehen!«
Die Zeit der Hinrichtung war gekommen. Sämtliche zum Tode Verurteilten waren in Totenhemden gekleidet und bestiegen die für sie bereitgehaltenen Wagen.
Pater Spee saß auf dem ersten derselben inmitten der armen Kinder, die weinend und schluchzend sich um ihn drängten. Auf einem zweiten befanden sich Elsa und Edeltraut, wieder auf einem andern die alte Ammfrau Bernin und der Student, beide von der Nacht des Wahnsinns umschattet, und endlich auf dem letzten der Pappenheimer, der Zuckerwastl, der Neunaugen und Helena. Der Zug hatte sich in dem großen Hofraume des Gefängnisses geordnet und bewegte sich nun durch das enge, finstere Tor hinaus aus die Gasse. Ein Fähnlein Landsknechte eröffnete denselben. Die langgezogenen Töne einer Trompete schnitten durch Mark und Bein. Darauf folgte hoch zu Roß der Oberschultheiß, das Todesurteil zusammengerollt in seiner Linken, indes die Rechte die Zügel hielt. Hinter ihm gingen Schergen und der Henker, und diesen folgten die einzelnen Wagen mit den Verurteilten. An den letzten schlossen sich die Mitglieder der Armenseelenbruderschaft betend an. Zu beiden Seiten schritten enggeschlossen Stadtsoldaten mit gezückten Schwertern.
Erst war es tiefstille, als der Zug ins Freie kam, als wäre jeder Laut erstarrt, bald aber brach ein lautes Schluchzen aus, das immer mehr zur herzzermalmenden Klage anschwoll, und dem sich das neugeweckte Weinen der Kinder anschloß. Es war, als zitterten nicht nur alle Menschenherzen vor Leid und Gram, sondern als zöge auch ein geisterhafter Wehruf durch die Luft und hallte von den Häusern wider. Ein leiser Regen fiel hernieder, es waren Tränen des Himmels!
Kein Auge blieb trocken, auch die Wangen der härtesten Männer netzte des Schmerzes bitteres Naß. Nur der Oberschultheiß überschaute mit kaltem Blicke, dem kein Mitgefühl innewohnte, die drängende, klagende Menge. An der Ecke der Domstraße staute sich der Zug. Dort stand, in sich versunken, der alte Bildschnitzer Meister Gothard an die Mauer gelehnt. Des Greises graues Haar hing wirr um die faltenschwere Stirne, und aus den Augen brannte ungesöhnter Haß.