»Ganz gut; er soll sogleich eintreten; Ihr, Oberschultheiß, bleibt!«
Spee grüßte den Fürsten ehrerbietig.
»Ich komme, Durchlaucht, Euch den Scheidegruß zu bringen; der nächste Morgen führt mich fort aus Euerer Stadt.«
»Spee,« rief Philipp Adolf mit der Miene schmerzlicher Überraschung, »Ihr wolltet wirklich von hinnen scheiden? O tut das nicht, ich bitte Euch!«
»Ihr wißt, hoher Herr, ich bin ein Jesuit, und Jesuiten leben strenge im Gehorsam ohne eigenen Willen. Meine Oberen gaben mir den Wanderstab nach Köln, ich nehme ihn freudig aus ihrer Hand.«
»Und warum so plötzlich?«
»Ich weiß für mich von keinem Warum. Euch, edler Fürst, kann ich die Frage lösen. Ich habe, sagen meine Oberen, mein Tagewerk getan, den Samen ausgestreut; die Ernte mögen andere in die Scheuern bringen. Dazu erkennen wohl meine Vorgesetzten, daß meines Körpers Kräfte fast verbraucht sind — ein junger Greis mit weißen Haaren scheide ich aus Euerer Stadt, die ich als Mann in voller Kraft betreten.«
Der Fürstbischof sah mit einem Blicke dankbarer Liebe in das Auge des Jesuiten. Dann ging er auf ihn zu und ergriff dessen Hände und sprach: »Mein lieber Pater Spee! ich darf als Fürst euch nicht verhindern, dem angelobten Gehorsame treu nachzukommen. Scheidet denn in Gottes Frieden! Mein Dank, mein wärmster Herzensdank folgt Euch, wohin Ihr geht. Ihr habt, ein wahrer Priester der reinen Gottesliebe, mit freiem Mut für den Sieg der Wahrheit gekämpft.«
»Gott sei die Ehre, edler Fürst! Dankt, wenn ein Reis des Guten mehr in Euerer Stadt erwachsen ist, nicht mir, der ich nur ein Werkzeug bin, dankt Gott, dem Herrn und Meister. Ihr seid so gnädig, daß ich nun, ehe ich scheide, noch eine Bitte Euch tief ins Herz senken möchte. Ich bitte nicht für mich — ich will und brauche nichts als meinen Gott, — Euerem Volke soll meine Bitte gelten. Bekämpft, was ich mit aller Kraft bekämpfte, bekämpft den Hexenwahn! Ich weiß als Priester nur zu gut, daß die Dämonenwelt in unsere Welt herüberragt; ich leugne nicht den Satan und nicht dessen Macht. Doch was ich stets bestreite und bestritt, ist jener irre Glaube, der überall des Teufels Bündnis mit den Menschen sieht, wo Dummheit oder Bosheit ihm die Brillen leihen. Ich schwöre es Euch, von allen, die ich in des Kerkers düsterer Nacht besuchte, und die ihr ganzes großes Leid in meine Seele übertrugen, und die ich dann zum Scheiterhaufen führte, hat auch nicht einer jene Schuld auf sich gehabt. Ja, schuldlos sind sie gestorben, als Opfer eines Wahnes, und düstere Schatten bleiben sie für alle Zeit. Mein Fürst! seid groß und sprecht das Wort, das Euch stets ehren wird, sagt laut, Ihr wollet keine Hexen mehr — dies eine Wort vernichtet sie. Verbietet, daß man Hexen suche, und es wird sich nirgend eine finden, verbietet, daß man Hexen richte, und rings in Eueren Landen wird kein Mensch im Bunde mit dem Satan stehen. O daß mein Ruf durch alle Lande tönte! Wehe Deutschland, so vieler Hexen Mutter! Was Wunder, daß es sich vor Gram die Augen ausweint, um sie nicht zu schauen! Daß alle mich rufen hörten: Wehe den Fürsten, die, statt Völkerhirten zu sein, die unmenschlichen Greuel unter ihren Schutz nehmen! Wehe den Richtern, deren Kastengeist aus den Hexenprozessen ein Privilegium und eine Erwerbsquelle gemacht hat! Und doch sollten sie die Schuld bedenken, mit der ein übereiltes Todesurteil das Gewissen belastet! Wehe jenen Rechtsgelehrten, die in ihren Büchern nur von Hexen und Zauberern sprechen, überall verbrecherischen Spuk erblicken und mit Gewalt zur Verfolgung anfeuern! O der Blindheit und Dummheit solcher Weisen! Da sitzen sie hinter dem Ofen in behaglicher Ruhe und hecken Kommentare aus. Sie selbst empfinden keinen Schmerz, reden aber viel von Qualen, die man den Unglücklichen antun soll, gerade wie ein Blindgeborener, der weise über Farben spricht. Auf sie kann man mit Recht des Propheten Amos Wort anwenden: Sie trinken Wein in Schalen, und mit dem Öle salben sie sich und kümmern sich nicht um Josephs Leiden. Aber setzt sie doch einmal nur ein halbes Viertelstündchen dem Feuer aus, dann werdet Ihr sehen, wie all ihre Weisheit und großmächtige Philosophie zusammenbricht. Sie philosophieren über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Und auch die Beichtväter müssen anders zu Werke gehen, als sie es bis jetzt getan. Sie müssen sich als Mittelspersonen zwischen Gott und dem Schuldigen, nicht aber zwischen diesem und dem Richter betrachten. Die geistlichen und weltlichen Obrigkeiten müssen dafür sorgen, daß der ewigen Zuträgerei, Ehrabschneidung und Verleumdung ein Ende gemacht wird, weil dadurch die christliche Liebe so tief verletzt, die Unschuld gefährdet und die Gerichte unsicher gemacht werden. Wehe! welche Strafe wird nicht allein die Richter, sondern auch die Beichtväter treffen, welche meinen Worten nicht folgen, nicht nur ihren Geist nicht anstrengen zum Erforschen, sondern auch darüber knirschen, daß sie unterwiesen werden.[Y] Gebt, hoher Herr, dem Volke den vollen, wahren Gottesglauben, laßt alle Kanzeln widerhallen von der Liebe des Gekreuzigten, sorgt dafür, daß das Volk aus seinem dumpfen Brüten sich erhebe zum lebendigen Glauben wie zum vernünftigen Denken!«