Unterhalb der Mainbrücke in Würzburg steht ein altes, düsteres Haus. Die Mauern sind schwarz geworden von Ungewitter, Sturm und jeglicher Unbill der Zeit; regellos starren aus dem kalten Gestein wie Augen aus dem Totenschädel die Fenster mit teils erblindeten, teils gebrochenen runden Scheibchen. Ein kleiner Erker, mit Holzwerk durchzogen, hängt müde gegen die Straße und auf seinem Spitzdache knarrt eine rostige Wetterfahne.
Der Eingang ist niedrig. Die Pfosten massiv aus Stein, die Türe aus Eichenholz, in dem der Wurm schon längst sich heimisch fühlt. Eine enge, unter jedem Fußtritt ächzende Wendeltreppe führt nach dem ersten Stockwerke und in eine große Stube. Das Getäfel der Decke ist tiefdunkel und drückt wie ein Alp. Der große grüne Kachelofen mit seinen unbeholfenen Schildereien auf den morschen Kacheln drängt sich fast bis zur Mitte des Gemaches.
Die Wände sind grau und schmucklos. Kein Bild, kein Kreuz winkt frommen Gruß. In der einen Ecke steht ein hohes Bett, daneben ein alter Schrank mit einer Unzahl von Gläsern und Töpfchen, ferner ein alter Totenschädel, Büchschen, aus denen Kräuter hängen, ein dickes Buch, schmutzig und abgegriffen, darauf eine Brille, mächtig groß und schwer.
Die andere Ecke füllt ein breiter Tisch und hochlehnige Stühle. Das Glas der Fenster ist mit Staub und Schmutz überzogen, ein eigen Dämmerlicht liegt kalt und frostig über diesem Raume.
Ein altes, häßliches Weib steht am Fenster und starrt mit den stechenden, schielenden Augen träumend ins Weite. Die große, hagere Gestalt ist noch ungebeugt von den Jahren, die den Scheitel gebleicht und die Wangen tief gefurcht haben. Zuweilen zuckt ein Blitz aus diesen Augen, dann spielt ein höhnisch grinsendes Lächeln um die dünnen Lippen, und wieder ist's wie Sturm und drohendes Ungewitter, was auf tiefem rätselhaften Angesichte wetterleuchtet.
Nun geht sie zurück zum Schranke neben dem Bette. »Hm,« brummt sie verdrießlich, »die Herren machen Ernst. Schütteln sie doch die Hexlein wie Äpfel von den Bäumen. Puh! die Luft riecht nach Menschenfett, und nachts heult der Wind klagend, als wären es die Seufzer der Gemordeten. Haben sie erst gestern wieder so ein armes Geschöpf unter meinen Fenstern vorbei nach der Richtstätte gefahren, und das Volk hat gejohlt und geflucht und nur wenige haben geweint. War ein junges Blut und schier zum Erbarmen, wie ihm die heißen Tränen so brennend übers Totenhemd rollten und aus den wunden Augen ein gebrochenes Herz schrie. Habe nun auch den Pater Spee gesehen, von dem sie in der Stadt so vieles reden. Mag ihn nicht; kann das fromme Volk nicht leiden, nicht Kutte und nicht Priester. Aber es hat mir doch gefallen, daß er mit auf den Karren stieg und dem Hexenblut die Höllenfahrt leichter machte.«
»Höllenfahrt?« fuhr sie nach einer Pause fort. »Weiß ich's, wohin der Weg vom Sterbebett und vom Galgen führt? Hu, es ist ein frostiger Gedanke — wenn's zum Teufel ginge!«
»Zum Teufel! Habe soviel Spott mit dummen Menschen in des Teufels Namen getrieben und nichts von Furcht und böser Ahnung empfunden; und heute ist's mir, als packte eine Totenhand mich an der Seele, wenn ich an den Teufel denke. Tolles Zeug! He, Totenschädel dort, gibt's einen bösen Geist? Du redest nicht! Glaub's wohl, hihi! Aber wie du grinsest, als zuckten Höllenlichter durch die leeren Augenhöhlen. — Dummes Gebein!« knurrte sie und stieß ihn auf den Boden.
»Wen haben sie nun schon verbrannt, diese weisen Herren?« fuhr sie in ihrem Selbstgespräche weiter. — »Habe sie mir alle wohlgemerkt! Da ist die Lieblerin, des Ankers alte Witwe, die Gutbrodin und die dicke Hökerin. Das war der erste Brand. Gleich darauf die alte Beutlerin, die Schenkin und zwei fremde Weiber. Dann kam der Tungersleber, der lustige Spielmann, die Kulerin, die Stierin, die Goldschmiedin und ihre Nachbarin, die Bürstenbinderin, an die Reihe.[I] Und gestern das junge Mägdelein! Ob sie nun genug Menschenfleisch geschmort haben, die Schakale und Hyänen? Ich glaube es nicht! Nein, sie ruhen nicht, bis nicht die schöne Stadt leer steht und das Land entvölkert ist! Und wenn sie nun auch mich für eine Hexe hielten?«