Die Alte schnellte bei diesem Gedanken bebend in die Höhe.
»Mich?« keuchte sie, und ihre Brust hob und senkte sich in fliegender Hast. »Mich? Nein, mich lassen sie in Ruhe. Die alte Ammfrau Bernin wagt keiner anzugreifen, sonst wehe ihm! Da drinnen in dem alten Herzen kocht und brandet Leidenschaft genug, und in meinem Hirn, so müde es seit siebzig Jahren auch geworden ist, ist immerhin noch Witz genug, um mit den Herren am Gerichte manch scharfes Wort zu reden. Bin kein junges Gänschen, das nicht Red' noch Antwort weiß, haha! Ob nicht die Herren alle zuschanden würden, wenn sie an mir ihr Recht und ihren Witz versuchen wollten!«
Ein Poltern von der Stiege her unterbrach der Alten Selbstgespräch. Sie horchte auf und ihre Augen starrten in fiebernder Neugierde nach der Türe.
»Ist's vielleicht der Henker?« flüsterte sie und drückte die Rechte aufs pochende Herz.
Ein Jüngling trat ein, ein frischer, fröhlicher Student. Sein Angesicht, von dunkeln Locken beschattet, widerstrahlte Lust und Schalkheit und sprudelnden Geist. Einen Augenblick blieb er betroffen stehen, der erste Eindruck des ihm völlig neuen Bildes streifte seine Seele mit frostigem Erstaunen. Dann nahm er, rasch sich wiederfindend, seine Mütze ab und grüßte freundlich.
»Verzeiht, liebwerte Frau, daß ich Euere Ruhe störe! So Ihr mir Gunst erweisen wollet, schenkt mir ein Stündlein Euerer Zeit und ein Körnlein Eueres tiefen Wissens. 's ist wahr, hab' viel gelernt auf Schulen und bei weisen Meistern. Bin vieler Sprachen kundig[J] und gar wohlgerühmt bei allen ob meines lieblichen Gesanges und gar süßen Lautenspieles. Und doch, was hilft mir all dies tote Wissen, was Sang und Lautenschlag, wenn hier das Herz in Leid und Trübsal ringt? Wo aller Menschenwitz ein Ende hat und jeder Weisheit Lehrer seine Ohnmacht bekennt, da beginnt Euer Reich und Euere Kunst. Seid mir gewogen und laßt Euch mein Leid erzählen. Dann gebt mir guten Rat und frohen Trost. Ich will's Euch tapfer danken.«
Die alte Ammfrau hatte dem Jünglinge mit steigendem Vergnügen zugehört.
»Und könnt Ihr schweigen?« fragte sie mit Nachdruck.
»Wie diese ehrwürdigen Wände hier oder, wenn Ihr wollt, wie dieser Totenschädel,« beteuerte der Student.