»Doch, Vater! Gott schützt uns. Und willst du dieses Schutzes sicher sein, so sei barmherzig mit den Armen, die ihr Herren Hexen nennt. O, folge nicht dem dunkeln Wahne, daß überall des Teufels List und Macht sich finde. Nicht jene Armen, ihr, ihr Richter seid es, die den Hexenglauben und den Teufelsspuk nicht sterben lassen. Tritt nicht, mein Vaterherz, in jene falschen Spuren, sei stärker, weiser als die Welt um dich, gib du Gott und deinem Glauben allein die Ehre, und auch in deinem Herzen werden dann Friede und Gerechtigkeit sich küssen.«
Der Alte stand mit verschränkten Armen vor seinem Kinde, das sinnende Haupt tief auf die Brust geneigt. Friede und Gerechtigkeit — ein goldenes Wort, wenn diese im Menschenherzen sich begegnen, küssen! — —
Die Turmuhr vom Dome her schlug die vierte Abendstunde. Der alte Gering warf seinen Mantel um, drückte den Hut sich auf den Kopf und schied mit stummem Kusse von seiner Tochter. — —
Durch die hohen Fenster, geziert mit buntgemalten Schilden und Wappenbildern, fällt der abendliche Sonnenstrahl in einen großen, niedern Saal. Die Wölbung der Decke ruht auf kurzen, dicken Säulen, der Boden ist mit rotem Sandsteine in großen Quadern eingelegt, nach oben steht ein langer Tisch mit Kreuz und Evangelium darauf, um ihn hochlehnige Stühle mit gepreßten Lederpolstern.
In einer Ecke stehen die Räte des Malefizamtes, teils miteinander gar geheimnisvoll flüsternd, teils mit hochgezogenen Brauen in den Akten blätternd. Auch Gering befindet sich unter ihnen, mißmutig, schweigsam, nur hie und da mit stummem Nicken oder Achselzucken eine an ihn gerichtete Bemerkung erwidernd.
Der Eintritt des Oberschultheißen, begleitet von zwei Sekretären und dem Malefizschreiber Petrus Hänflein, macht die Räte verstummen.
Der Oberschultheiß, ein kleiner, hagerer Mann, grüßt gnädig nach rechts und links und nimmt seinen Platz ein, zu beiden Seiten reihen sich die Räte an. Auf seinen Wink wird durch eine Seitentüre die alte Bernin hereingeführt. Die Hände sind mit Ketten belastet, der Gang ist schleppend, zögernd, als stäche bei jedem Schritte ein tiefer Schmerz durch den bebenden Leib.
Sie steht den Richtern gegenüber, zornig — trotzig blickend, die Ketten schüttelnd, daß sie klirren und rasseln.