»Gedenke, Mutter der Barmherzigkeit, daß unerhört kein Bittender von deinem Throne ging. Du, die du über Sternen thronest, des Himmels schönster Stern — gib Friede — Friede — Friede!«

»Amen,« sprach tiefbewegt der alte Gering und küßte seines blinden Lieblings Wangen. —


6. Kapitel: Richterweisheit

Durch das Burkharder Tor drängte eine bunt zusammengewürfelte Menge. Wie der Sturzbach, was er in seinem wilden Laufe zu erreichen vermag, erfaßt und mit sich fortträgt, so ergriff der durch das Tor hereinflutende Menschenstrom alles, was ihm auf seiner Bahn entgegenkam, und riß es mit sich fort, ein Wildbach, der schnell zum Strome anschwoll.

Ein Fähnlein Knechte, deren Hellebarden aus dem Menschenknäuel herausragten, führte in seiner Mitte eine gar abenteuerliche Gesellschaft. Wilde Gesellen, Gift aus den Lippen und Dolche in den Augen. Ihre Hände sind auf den Rücken gebunden, das phantastische Gewand hängt zerfetzt vom Leibe, das Auge des Kleineren ist ausgeschlagen und sind noch die frischen Blutspuren auf dem dicken Gesichte bemerkbar. Hinter ihnen, gleichfalls gefesselt, geht ein altes und ein jüngeres Weib, die eine trotzig den Blick auf den Boden heftend, die andere keck nach der Menge schauend und höhnisch Fratzen schneidend, sooft ein derbes Wort, eine Verwünschung zu ihren Ohren dringt.

»Zuckerwastl,« flüsterte der Pappenheimer, »wir gestehen nichts; sie mögen uns drinnen fragen, wie sie wollen.«

»Keine Silbe sollen sie erfahren,« gab dieser fest zurück.