»Ein Roß!« platzte der Junge heraus. »Seht, hoher Herr, es ist bei aller Pracht ein trostloses Leben, so fein demütig auf eigenen Socken schreiten müssen, sachte Schritt für Schritt und schön bedächtig, wie der Hofmarschall es will, statt auf einem stolzen Rosse reiten, wie ein Ritter alter Zeit oder ein kühner Feldhauptmann vor seinem Fähnlein Soldaten!«

»Bist noch zu klein für Roß und Bügel,« scherzte der Fürstbischof.

»Nein, nein, Durchlaucht! Bin nicht zu jung und klein,« rief der Page und streckte seine geschmeidige Gestalt. »Seht nur, wie groß ich bin!«

»Und du, mein lieber Fischbaum,« sprach der Fürstbischof, sich zum andern Pagen wendend, »willst du auch gleich deinem Genossen dich auf einem Pferde tummeln?«

Der Knabe schüttelte leicht das Haupt mit den langen, blonden Locken. »Verzeiht die offene Rede, mich lockt nicht Pracht, nicht Saitenspiel, nicht Schwerterklirren. Mein Sinn steht nach der Einsamkeit. Ich möchte Priester werden, kein so hoher Herr wie Ihr, auch nicht ein Domherr oder Propst; ein schlichter Priester ohne Namen und Rang, doch voll des heiligen Feuereifers für Gottes Ehre und für der Menschen Heil!«

»Ein großes Wort aus Knabenmunde!« versetzte wohlwollend Philipp Adolf. »Gott segne dich und gebe deinem Wunsche gnädige Erfüllung! — Sind die Herren schon versammelt?«

»Ja, Durchlaucht!«

In einem großen Saale, von dessen reichgeschmückter Decke schwere Kronleuchter mit brennenden Wachskerzen hingen, bewegte sich eine flüsternde Gesellschaft: Adelige, Domherren, Prälaten, Professoren, Gelehrte und Künstler. Das buntfarbige Bild der glänzend geputzten Menschen, wie der in ihrem einfachen Habite doppelt ehrwürdig schreitenden Mönche stach gar eigen von den Gobelins der Wände ab, von denen Saul und Salomon und David in starrer Verwunderung auf die wogende Menge herabsahen. Rings an den Wänden zogen sich mit roter Seide bezogene Stühle hin, deren schnörkelreiches Schnitzwerk und künstlich gebogene Füße in dem hellglänzenden Parkettboden widerstrahlten. In zwanglosen Gruppen standen die Herren beisammen, die Neuigkeit des Tages oder ihres Amtes oder eine weise Meinung bald mit einfacher Würde, bald mit hochgezogenen Augenbrauen und gar wichtiger Gebärde dem minder weisen oder erfahrenen Zuhörer gnädigst auseinandersetzend.

»Seht, werte Herren,« sprach einer vom Adel, den Degen wagrecht an der linken Seite haltend und mit der Rechten, wohl dem goldenen Ringe mit dem großen Solitär zuliebe, beständig in den Lüften fuchtelnd, »ich liebe mein Vaterland gewiß aufrichtig, gar kein Zweifel, anerkenne auch, daß einige Kunst und Wissenschaft in Deutschland blüht, jawohl, aber fein, elegant, mit Genuß versteht man nur in Frankreich das Leben sich auszuschmücken. Mon Dieu, wir haben Schneider; was können sie? Einen Bürgerrock zusammenflicken! Sonst nichts! Ich frage, wo wird in Deutschland eine Leinwand gewoben, die so zart wäre wie die aus Frankreich? Ah, messieurs, ich beziehe seit einiger Zeit alles — alles aus Frankreich, selbst Rasiermesser und Scheren, auch meine Hemden; sind sie doch schon darum besser als die deutschen, weil sie ein wenig von der französischen Luft parfümiert worden sind. Ja. Und erst unsere deutsche Sprache, ah, messieurs, wie barbarisch sie klingt, man kann wahrlich nur mehr Französisch sprechen, wenn man auf Anstand Anspruch machen will.[P] Ja. Es ist nur auf das tiefste zu bedauern, daß Durchlaucht diesen Ideen nicht zugänglich ist, seinen Hof nicht französisiert und ausländische Gelehrte, Künstler und Musiker beruft! — Voilà, messieurs, sehen Sie nur unsere ehrenwerten Professoren da drüben in der Ecke an, sind sie nicht wie Eisbären oder wie die dicken schweinsledernen Bücher, aus denen sie ihre Weisheit holen? Wahre Nachteulen — n'est-ce pas?«