»Und glaubt Ihr, daß Ihr Euch in solchem Amte niemals irrt?«
»Irren?« rief der Gestrenge und streckte seine schmächtige Gestalt — »irren? Nein, ich irre nicht! Ich rede nicht zu meinem Lobe, es geziemt sich nicht in Euerer hohen Gegenwart; allein aus meinen Händen kommt nicht einer wieder in die Freiheit, denn jedem ringe ich das Geständnis seiner Schuld ab. Ich habe einen tiefen Blick, mit dem ich in die Tiefe der Seele schaue; ich habe einen Schlüssel, der mir jegliches Geheimnis offenbart, das ist unser unvergleichliches peinliches Recht, und endlich habe ich das rechte Richterherz, das nicht von des Mitleids Schwäche angekränkelt und zwischen Gerechtigkeit und Erbarmen weibisch schwankt. Nein — kalt wie des Todes Hand ist auch mein Herz, wenn es zu richten hat, und ich wollte ihm nicht folgen, wenn es mir Mitleid flüsterte, und säße ich auch übers eigene Weib und über meine Kinder zu Gericht.«
Der Fürstbischof sah mit einem Blicke voll Entsetzen nach dem Oberschultheiß.
»Ihr, hoher Herr,« fuhr dieser eifrig fort, »Ihr fasset und begreift das nicht. Ihr seid gewohnt, dem Mitleid volle Herrschaft einzuräumen und dem Erbarmen Euere Macht zu leihen. Ich kann — ich darf das nicht! Für mich ist jeder Mensch, der unterm Schwerte oder auf dem Scheiterhaufen stirbt, ein gesühnter Paragraph — sonst nichts. Fragt der Mensch nicht sein Gefühl nach allen Seiten, ehe er zum Verbrecher wird, warum soll ich nach dem Gefühle fragen, wenn das Verbrechen seine Sühne fordert?«
»Was Ihr da sagt, gestrenger Herr,« fiel Schönborn ein, »das hat nur einen Schein von Recht und Wahrheit. Ihr braucht aus Mitleid die Gerechtigkeit nicht zu verraten, Ihr sollt aber auch nicht aus Herzlosigkeit zu unbeugsamen Sklaven Euerer Gesetze werden. Ihr Herren seid zu hart, ihr seid wie totes Gestein, aus dem nicht eine Blume sprießt; ihr starrt verderbenbringend in das Leben rings um euch, und wo ihr glaubt, daß euer Recht verletzt sei, da stürzt ihr euch zermalmend auf das Opfer. Euch Richtern fehlt die Liebe, und doch sollte sie mit euch zu Gerichte sitzen, denn wo die Liebe fehlt, da fehlt auch die Gerechtigkeit.«
»Euere fürstlichen Gnaden werden hoffentlich des jungen Herrn Kanonikus Ansichten gleich mir sehr kühne nennen?« sprach der Oberschultheiß, mit lauernder Miene nach Adolf Philipp schauend.
»Immerhin,« antwortete dieser, »denn es gehört Mut dazu, euch Herren zu widersprechen. Und doch, was Schönborn sagt, versteht mein Herz viel besser, als mein Verstand, was Ihr gesprochen.«
»Erlaubt,« fuhr Schönborn fort, »eine Frage aufzuwerfen. Gesetzt, es wären wirklich alle, die Ihr Hexen nennt, auch dieses Lasters schuldig. Kann man sie denn dann nicht vom Irrwege heim zum wahren Glauben, vom Satansdienste zur Gottesliebe führen? Warum dem Henker übergeben, was doch dem Priester angehört? Warum in Elend enden lassen, was doch vielleicht zu retten ist?«
Der Oberschultheiß blickte hellen Zornes auf den jungen Priester. »Ihr wolltet wohl die Hexen leben lassen,« höhnte er, »und sie durch Euer Wort bekehren?«
»Mit Gottes Hilfe, ja!« entgegnete Schönborn.