»Und glaubt Ihr, daß Ihr Macht hättet über alle Teufel?«
»Wenn sie der gottgeweihte Priester nicht besitzt, wer sollte dann in Gottes Namen noch dem Geist der Finsternis gebieten können? Und erst müßtet Ihr mir noch beweisen, daß wirklich hier der Teufel im Spiele ist. Ich glaube es nicht!«
»Hm, und wenn der Priester die Teufel doch nicht besiegt? Was dann?«
»Ihr zweifelt, weil Euch solcher Zweifel zum Systeme paßt.«
»Hat nicht der Pater Spee, sooft er will, ganz freien Zutritt zu den Hexen?« fragte triumphierend der Oberschultheiß.
Schönborns Auge leuchtete, als seines Freundes Name genannt wurde.
»Ich glaube, ja. Doch klingt es fast wie Hohn, wenn Ihr verlangt, er solle unten in der Kerker grauser Nacht, und während die armen Opfer von Stumpfsinn, Gram, Verzweiflung gefesselt sind, wunde Seelen heilen! Gebt erst den Kerkern Licht, daß es das Kreuz bescheine, das der Priester rettend zu den Armen trägt. Gebt Licht, gebt Sonnenlicht, damit sie aus des Priesters Auge die Hoffnung der Erlösung lesen können; gebt Licht der schauerlich schwarzen Nacht, in der Ihr Euere Hexen lebendig begrabt, bis sie der Wahnsinn und die Verzweiflung am Herzen und am Verstande angefressen haben. Ist's da noch ein Wunder, wenn der Priester in des Kerkers tiefer Nacht nicht mehr verstanden wird, wenn dort das Wort der Liebe fruchtlos verhallt und wie vom fühllosen Gesteine, so auch von den zertretenen Herzen unverstanden abprallt? Schafft andere Kerker, wo der Mensch nicht dem Gewürme gleicht, vergeßt auch im Verbrecher nicht das Gottesbild; ist es auch verzerrt, so seid doch menschlich gegen Menschen, und das Erbarmen wird die Herzen heilen, es wird die Schuld versöhnen und den Wahnsinn bannen und das Elend enden.«
»Wo ist Pater Spee?« fragte der Fürstbischof, aus tiefem Nachdenken erwachend. »Man sende nach ihm! Ich will aus seinem Munde Aufschluß haben über das, was Schönborn eben berührte.«
Über des Oberschultheißen Angesicht flog dunkle Zornesröte. Er warf einen Blick unversöhnlichen Hasses auf den mutigen Kanonikus. Dieser aber hielt den Blick mit aller Ruhe aus, und so sehr ihn auch des Fürsten Wunsch, mit Spee selbst zu sprechen, mit hoher Freude und großer Befriedigung erfüllte, so war er doch edel genug, seine Freude nicht am Zorne seines Gegners zu messen.
Das Erscheinen des Paters Spee am Hofe erregte allgemeines Aufsehen. Man hatte bisher noch nie einen Jesuiten bei den Abendzirkeln des Fürstbischofs gesehen; nicht als ob dieser jenen Ordensmännern nicht mit ganzer Liebe zugetan gewesen wäre, sondern weil diese es sich zum Grundsatze gemacht hatten, nie unbegehrt am Hofe zu erscheinen. Spee war keine imposante Gestalt. Die große Weichheit seines Gemüts hatte sich auch dem Körper mitgeteilt, der von einer Zartheit war, die auch das lange Habit nicht zu verbergen vermochte. Das einfache, aber edel geschnittene Gesicht widerstrahlte jene beneidenswerte Ruhe, die der Stempel einer mit sich und dem Schöpfer fertigen Seele ist. Aus seinem Auge leuchtete Friede, aber dennoch war ein leiser, schmerzlicher Zug über dasselbe gehaucht, der ihm einen eigenen Reiz der Liebe lieh.