Philipp Adolf empfing den Jesuiten mit jener Herzlichkeit, mit der immer ein Priester den andern begrüßen soll. Spee war nicht frei von einiger Befangenheit, als er sich mitten in dem Prachtgemache als Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sah, und dieses Gefühl wuchs noch, als ihm der Fürstbischof die Ursache mitteilte, um derentwillen er nach ihm gesendet hatte.

»Ich soll Euch Rede stehen, gnädigster Herr, über meine Erfahrungen mit den Armen, die unter der Anklage böser Zauberei den Kerkern verfallen sind. Ich segne diese Stunde, da mein Mund vor einem edlen Fürsten der Wahrheit Zeugnis geben darf. Und doch — ich bange! Glaubt nicht, daß mir der Mut gebricht, glaubt nicht, daß Menschenfurcht meine Zunge lähmt und meinen Worten klug berechnend die Spitze bricht. Nein! Gott und die Wahrheit über alles! Aber mein Wort wird nicht gesprochen werden können, ohne da und dort zu verwunden. Ich will nicht wehe tun, ich will nicht verletzen.«

»Der Aberglaube, jener finstere Geist, der wie der Rost am Eisen, so am wahren Glauben frißt, hat über unser Volk, gleichviel welchen Glaubens, eine nicht genug zu beklagende Herrschaft gewonnen. Dazu gesellt sich der Neid, der nicht nur auf das Glück mit scheelem Auge schaut, sondern auch auf betende Lippen sein fressendes Gift träufelt; ihm steht zur Seite zischelnde Verleumdung, Ehrabschneidung und die ganze trübe Flut der Zungensünden, die ein verdorbenes Herz nach Tausenden erzeugt. Und keine Obrigkeit, kein Gottesmann erkennt hierin den Samen zum aufkeimenden Verdachte böser Zauberei! Nicht Gott, nicht die Natur sind die Quellen dessen, was wir sehen — alles — alles ist ein Zauberwerk und ist Hexentat. Und nicht bedenkend, daß in Herzen, die dem Glauben und der Liebe abgestorben sind, alles Böse keimt, daß all das wüste Flüstern von des Teufels Macht und seinen Verbündeten nur in der Menschen bösen Zungen, in ihren arg verworrenen Köpfen wurzelt und nicht in reiner Wahrheit, befehlen doch die Fürsten gegen Zauberer und Hexen einzuschreiten, als ob das wirklich lebte, was des Menschen böses Herz, sein wahnwitzig gewordenes Gehirn und seine schlechte Zunge schaffen. Da drängt sich alles dann mit Richterspruch und Schwert und Feuer an das arme Opfer. Der Fürst hat ja befohlen, das Volk hat mit Fingern da- und dorthin in flüsternder Anklage gedeutet — das scheint Grund genug, zu glauben, daß es Hexen gibt, und dem Beklagten ohne weiteres jenen Stempel aufzudrücken. Da mag die Quelle noch so trüb und schmutzig sein, der Mund, welcher Kläger ist, von Gift und Neid geschwollen, der Kopf so wirr, wie der eines Fieberkranken — was tut's? Die Hexe ist geschaffen! Und wenn den Richter nicht die reine Liebe zur Gerechtigkeit bewegt, wenn Ehrgeiz ihm das Auge blendet und Unerfahrenheit mit stolzem Geist sich paart; ja, wenn selbst gierige Habsucht mit im Spiele ist:[Q] dann wachsen rings die Hexen gleich dem Laub an den Bäumen!«

»Und der Beweis, daß alle jene wirklich Hexen sind und Zauberer, die dem Gerichte verfallen? Dem Mörder gegenüber ist die blutige Tat, die er begangen, der bindende Beweis. Da liefert der Verbrecher ihn. Ganz anders bei den Hexen. Hier macht der Richter selbst sich den Beweis. Guter Ruf und reine Sitten, so sagen sie, sind stets der Deckmantel, mit dem die Hexen ihre Bosheit verhüllen; ein schlechter Ruf und ein zügelloses Leben sind nicht minderer Beweis, denn Schlechtigkeit erzeugt Schlechtes. Starkmut bei der Folter Qualen ist nur des Teufels Hilfe, der seine Getreuen gefühllos macht; Bekenntnis, das der Schmerz erpreßt, gilt aber für volle Wahrheit. So wird nicht aus dem Menschen heraus die Schuld bewiesen, sondern dieselbe um jeden Preis hineingelogen.«

»Doch nicht genug! Man forscht nach Menschen, seien sie auch noch so schlecht, die über der Angeklagten Vorleben aussagen sollen. Und wissen sie eine üble Tat, ein unbesonnenes Wort zu erzählen, so wird das zum Beweis, ein solcher Mensch sei auch des Bundes mit dem Teufel fähig. Wie viele tragen Groll und Haß im Herzen! Ihr Feind ist in des Richters Gewalt; welch eine Gelegenheit, der Rache ungehinderten Lauf zu lassen! Der Richter aber leiht dem Feindesmunde offenes Ohr, als spräche dieser die Wahrheit! Es mag der Angeklagte unter der Wucht der auf ihm lastenden Ungerechtigkeit laut aufschreien, er mag bei Gott und seiner Seligkeit seine Unschuld beteuern, man glaubt ihm nicht! Und wenn ein anderer für ihn sprechen wollte, man hört ihn nicht! Dem Diebe und Mörder ist ein Fürsprecher gestattet, der Hexe nicht! Freilich wehe dem, der mutig vor die Richter träte als Anwalt jener Armen, welche die Dummheit Hexen nennt: er gälte jenen Weisen nur als Mitschuldiger, der sich selbst dem Tode überliefert. Und so schweigen jene, welche reden sollten; geschlossen sind die Lippen der Guten und Einsichtsvollen, und der Wahnwitz und die Bosheit triumphieren!«

»Da möchte ich doch um des Allerbarmers willen wissen, welcher Weg, mag nun die Angeschuldigte mit oder ohne Bekenntnis sterben, sich hier zum Entrinnen öffne, ist auch das Herz so rein und schuldlos gleich dem eines Kindes? Unglückliche, worauf hast du gehofft? Warum hast du nicht beim ersten Schritte in den Kerker dich als schuldig bekannt? Armes Weib, warum willst du vielmals sterben, wenn du mit einem Male dich des Lebens entledigen kannst? Folge meinem Rate: ehe alle Pein in deinem Körper wütet, gib dich gefangen, schuldig — und stirb! Entrinnen kannst du nicht mehr; du weißt ja, welches das Ziel des Gerechtigkeitseifers in Deutschland ist.«

»Und die Richter möchte ich fragen: warum habt ihr euch doch erst umgesehen, warum nach Zauberern und Hexen gesucht? Ich will euch zeigen, wo sie sind! Wohlan, nehmt den ersten besten Kapuziner oder Jesuiten, den ersten besten Priester! Schlagt ihn an die Folter, quält ihn mit eueren Marterwerkzeugen — sofort wird er bekennen. Und ist er anfangs stumm und schützt er sich nach euerer Meinung durch Zaubermittel, so fahrt mit eueren Martern fort: endlich werdet ihr ihn brechen. Wenn ihr noch mehr wollt, so nehmt die Prälaten, Domherren, nehmet Gottesgelehrte, und ich versichere euch, sie alle — alle werden schnell bekennen.«

Spee schwieg einen Augenblick. Sein Antlitz ging aus dem Feuer heiligen Eifers wieder in die gewohnte schmerzliche Weichheit über. Er nahm das Kreuz von seinem Rosenkranze und sprach, dasselbe küssend, mit milder Stimme: »Du, Herr am Kreuze, du weißt es allein, wie meine Seele blutet, daß ich dem Leid nicht Hilfe bringen kann. Wie gerne wollte ich niederknien und mein Haupt zum Opfer geben, könnte ich damit dem Wahn ein Ende machen und tausend Fesseln lösen! Du Quell der Milde, süßer Jesus, wie kannst du dulden, daß Unschuldige solche Qualen leiden? O komme durch dein Blut den tief Bedrängten zu Hilfe! Gib du Erkenntnis aller Obrigkeit, daß sie wohl sehe, wie sie richte, und nicht Gerechtigkeit in Grausamkeit und Gottlosigkeit verkehrt werde![R] Gib Priester, die den Ärmsten wahre Väter sind, und Tröster diesen Leidenden! Ja, ihr Priester Gottes, hebt die Hände bittend zu jenen Unglücklichen auf, damit sie euch vertrauen, sagt ihnen, daß ihr sie in euer Herz schließen wollt.