O lernet Mitleid haben mit dem Jammer, fühlt die Leiden, als wären sie die eueren. Sagt, ihr wolltet euer Leben für sie opfern, wenn es euch gestattet wäre; versprechet, daß ihr sie niemals verlassen werdet. Es wäre schrecklich, könnten jene Opfer klagen, sie hätten selbst aus Priestermund keinen Trost empfangen. Wenn ihr der Gottesliebe Boten seid, dann bringt den Armen das, was Heilung jedem Schmerze ist, bringt Liebe!«[S]
Des Paters Worte verursachten eine große Bewegung. Während der Fürstbischof sein sinnendes Haupt auf die Rechte stützte und in seinem Auge eine Träne glänzte, und während Schönborn in heiliger Begeisterung des Jesuiten Hände küßte, standen die anderen Herren rings mit finsteren Mienen, aus denen Groll, Zorn und Rache glühte. Spee aber war gleich dem Fels im brandungswilden Meere und blickte ruhigen Auges nach dem Fürsten.
»Nun, ihr Herren,« sprach Philipp Adolf, den Blick langsam erhebend, »was sagt ihr zu des Paters Rede?«
»Erlaubt, mein Herr und Fürst,« nahm, mühevoll nach Fassung ringend, der Oberschultheiß das Wort, »erlaubt, daß ich Euch Red' und Antwort stehe. Der Pater Spee hat früher schon in einer Weise sich der Hexen angenommen, die sehr verdächtig ist. Mit dem, was er vor Euch und uns gesagt, hat er sich offen auf ihre Seite gestellt. Das ist doch sehr auffällig. Während alle Welt, gleichviel ob katholisch oder lutherisch, mit Schwert und Feuer gegen das Hexenwesen zu Felde zieht, nimmt der fromme Pater die Unholde unter seinen Schutz. Das ist sehr bedenklich, gnädigster Fürst! Es ist nur eine Wahl: entweder wir bleiben bei unserer ausgezeichneten Praxis und töten alle Hexen und Zauberer und retten dadurch die Menschheit, oder wir folgen dem Rate des Paters, entsagen dem, was er in seiner Weisheit Hexenwahn nennt, und lassen uns dafür vom aufrührerischen Volk ermorden, das an Hexen glaubt und Schutz vor ihnen bei uns sucht. Ist's besser, daß ein junger Jesuiter recht behält, dafür aber das ganze Volk zugrunde gehe? Soll er allein die Wahrheit kennen, da doch die ganze Welt an Hexen glaubt? Soll alles des Satans werden, weil einer anderer Meinung ist? Wenn wir das Schwert, mein Fürst, aus unseren Händen legen, dann begebt Euch auch Eueres Zepters und Euerer Lande und laßt, verzeiht das Wort, den Satan herrschen. Es scheint,« fuhr er mit leisem Spotte fort, »die Herren Jesuiter haben unseres Heilandes Evangelium nicht gelesen, wo doch von Besessenen die Rede ist. Wir, die wir nicht jener Gesellschaft angehören, glauben noch an Teufel und an Hexen und lassen uns darin auch durch den Pater Spee nicht irremachen.«
»Ganz richtig!« nahm ein Prälat das Wort. »Der junge Pater ist ein junger Brausekopf und mischt sich ungerufen in den Gang irdischer Gerechtigkeit. Ich rate ihm, sich seiner klösterlichen Einsamkeit mehr zu befleißen und mit seiner Zelle sich zu begnügen. Was draußen geschieht, was für ein Elend in den Kerkern ist, wie schwer die Ketten lasten, wie sehr die Werkzeuge der Tortur peinigen und wie groß die Klagen der Gefangenen sind, das überlasse er den Richtern und schweige über Hexentum; was kann er von solchen Dingen verstehen?«[T]
»Er mehr als jeder andere!« rief Schönborn in hellem Eifer aus. »Wohlan, ihr Herren, steigt gleich ihm hinab in jene gräßlichen Gefängnisse, schaut kalten Herzens, wenn ihr's vermögt, das ungeheure Elend, hört unbewegt die Klagen und die Seufzer, hört, wie sie in rührenden Gebeten ihre Unschuld Gott befehlen und dann, von Grimm und Schmerz getrieben, ihren Henkern fluchen! Stellt euch hinein, ihr weisen Herren, ins Meer des tiefsten Elendes, laßt seine Wogen über eueren Häuptern branden, sprecht nicht hier unterm hellen Sonnenlichte solche kalte Sprache, nein, steigt hinab in rabenfinstere Nacht und hört den Aufschrei der armen Menschen! Und wenn ihr das getan habt gleich unserm Pater Spee, wenn ihr gleich ihm dem tiefsten Jammer euer Ohr und Herz geliehen habt, dann werdet ihr gleich ihm die Sprache der Erbarmung und Gerechtigkeit reden.«
»Hab' Dank, mein edler Schönborn, für das Zeugnis, das du der Wahrheit gabst!« sprach Spee, dem jungen Kanonikus mit Innigkeit die Hand drückend. »Euch aber, hoher Fürst, und euch, ihr werten Herren, gebe ich ein offenes Geständnis, das so treu und wahr ist, als stünde ich vor Gott! Wenn ich mit größtem Fleiße untersucht und auch des Ansehens der Beichte mich bedient hatte, so habe ich doch noch in keinem der Unglücklichen, die ich zum Feuer begleitet habe, etwas entdeckt, was mich hätte überzeugen können, daß derselbe mit Recht des Verbrechens der Zauberei sei angeklagt worden. Alle haben mit herzzerreißendem Jammergeschrei die Bosheit und Unwissenheit der Richter und ihr Elend beweint und in ihren letzten Nöten zu Gott als dem Zeugen ihrer Unschuld gerufen.[U] Ich schwöre es bei Gott, daß ich wenigstens bis jetzt keine Hexe zum Scheiterhaufen geleitete, von der ich nach allseitiger Erwägung vernünftigerweise behaupten könnte, sie sei schuldig gewesen.«[V]