»Ihr seid ein Ehrenmann,« sprach Meister Gothart und nahm den Arm seines Freundes, des Goldschmiedes Winterholder, »jawohl, ein ganzer Ehrenmann seid Ihr; des ist Zeuge Euer Schmerz, der zu meiner Kunde so ungläubig das Haupt schüttelt. Ist aber doch so, wie ich gesagt habe. Wißt Ihr was? Wir gehen nach der Marienkapelle hin, da müssen sie uns begegnen.«
»Ich habe die Kraft nicht,« entgegnete Winterholder mit halblauter Stimme, rang die Hände und ließ das Haupt sinken. »Ich kann nicht! Freund, mir ist's, als gelte das Elend meinem eigenen Kinde! Herrgott im Himmel,« fuhr er plötzlich auf, und seine Augen flammten, »sind wir denn wie Hunde geworden, mit denen die Herren am Gerichte machen können, was sie wollen? Da soll doch —«
»Ruhig, Freund,« fiel Meister Gothart, der Bildschnitzer, seinem Freunde ins Wort. »Zürnet unserm Herrgott nicht, 's ist Frevel! Er hat das Ende aller Dinge in seiner Hand, und jedem Leide gibt er das Amen. Die Zeit ist blutig, und besser wäre es schier, im Grabe zu liegen, als dem Elend ins Auge zu schauen. Und doch — ich sage immer wieder, — unser Herrgott macht das Ende.«
»Meister Gothart, Meister Gothart!« rief ein junger Bursche, der die Domstraße heruntergelaufen kam.
Der Alte wandte voll banger Ahnung sein Haupt dem Lehrjungen zu, aus dessen blassen Zügen schlimme Märe sprach.
»Was soll's, Friedrich?«
»Sind gerade vom Schneidturme weg Knechte gezogen,« erzählte, nach Luft ringend, der Knabe; »sie wollen des alten Ratsherrn Göbel Edeltraut nach dem Gefängnisse führen.«
»Du schwatzest wohl im Fieber!« zürnte Gothart.
»Meister,« rief verletzt der Junge, »ich sage Euch reine Wahrheit!«
Gothart stand einen Augenblick regungslos wie ein Bild aus Stein.