»Es soll dem Manne keine Schande sein, wenn ein Kerl, wie ich einer bin, ihn lobt. Aber meinst du auch, er setzt seinen Kopf durch?«
»Ich kann es schier nicht glauben; es sind zu viele gegen ihn, und darunter alle Großen. Und diese können und wollen das Rädern, Martern und Verbrennen nicht mehr lassen. Sie sind es gewohnt, wie du das Stehlen; und sowenig du dich deines Schelmenhandwerks schämst, sowenig schämen sich die Herren ihrer Grausamkeit. Weißt du, sie haben für ihre Dummheit ein gar heiliges Pflaster, sie sagen: sie dienen Gott!«
»Sei mir stille, alter Schwätzer, und lasse mich denken! Ich bin nur ein armer, windflüchtiger Geselle, den es Mühe kostet, an einen Gott zu glauben, den er nicht schaut, den es aber noch mehr Überwindung kostet, an die Liebe der Menschen zu glauben, die er nicht sieht. Der Spee ist ein seltener Mensch; er setzt sich aller Gefahr und Feindschaft aus, nur um solcher willen, denen jeder andere aus dem Wege geht, die alle hassen und verachten. Das kann ihm nicht Geld und nicht Ehre und auch nicht Frieden einbringen; sag' mir, alter Zigeuner, warum tut er das wohl?«
»Ich weiß es nicht,« versetzte der Wirt. »Mir ist der Mann ein heiliges Rätsel. Drunten in der Stadt sagen die einen, Spee tue dies alles aus fester Überzeugung und reiner Menschenliebe; andere nennen ihn einen verrückten Kopf, und wieder andere flüstern sich in die Ohren, er stehe selbst mit dem Satan im Bunde und nehme sich der Hexen und Unholde nur darum an, damit diese desto ungestörter Land und Leute verderben könnten.«[A]
»Dumme Menschen!« lachte der Zuckerwastl. »Der Pater selbst ein Unhold — der Blödsinn sieht der Ratsherrnweisheit so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Aber,« fuhr er, plötzlich ernster werdend, weiter, »meinst du wirklich, der Jesuit ergreife wohl aus reiner Menschenliebe für die Hexen Partei? Sieh, ich verstehe das nicht, aber es kommt mir wie Sonnenschein über meine alte schmutzige Seele, wenn ich denke, daß es doch noch ein Menschenherz gibt, das auch die Verdammten liebt; denn verdammt sind sie ja doch alle, die Hexen und Zauberer.«
»Habe mir auch schon oft so meine eigenen Gedanken darüber gemacht,« antwortete der Schenkwirt; »klar bin ich mir aber über den Mann nicht geworden. Aber was ich seit meinen jungen Jahren nicht mehr verspürt habe, das habe ich gegen den Pater empfunden: Liebe, ehrliche, aufrichtige Liebe. Schau, Alter, wenn der Spee recht hätte und machte mit seinem hellen Verstande und mit seiner scharfen Zunge und noch mehr mit seiner großen Menschenliebe dem Morden ein Ende: ich glaube, ich gäbe selbst noch in meinen alten Tagen mein längstgewohntes Schelmenleben auf und ginge unter die ehrlichen Leute!« —
— Treten wir in einen niedern, gewölbten Raum. Auf dem Herde brennt ein knatterndes Feuer und wirft seinen rötlichen Schein auf die rußigen Mauern der Küche. Auf dem Fenstergesimse sitzt ein dicker, schwarzer Kater und schnurrt; dort am Herde steht die Schenkwirtin, eine dürre Alte; die grauen, ungekämmten Haare hängen ihr unter der Haube hervor, die Augen sind unruhig und stechend, Nase und Kinn langgezogen und spitzig; dünne, schmale Lippen bedecken den zahnlosen Mund. Der Widerschein des Feuers gibt dem aschfahlen Gesichte eine eigene, unheimliche Färbung.
In ihrer Nähe kauert auf einem Schemel ein junges Weib, das des Neunaugen. Ihre Züge wären hübsch, wenn sie nicht in einer widerlichen Roheit erstarrt zu sein schienen. Die Kleidung ist zigeunerhaft; buntfarbige Fetzen und Lappen, schmutzig und zerrissen. Die Miene ist zornig und trotzschwer.